Aphorismen eines Tages

Die Welt stand für Jessy still, als sie in ihr morgendliches Spiegelbild schaute und dabei ihre grünstichigen Augen mit ihren goldbraunen Streifen intensiv betrachtete. Dabei waren es nicht ihre Augen, die sie so in den Bann zogen, sondern ihre eigenen Gedanken. Sie mäanderten wie ein Fluss ihren eigenen Weg durch ihren Kopf. Noch nie hatte sie sich über das Leben solche Gedanken gemacht, wie es an diesem Morgen der Fall war. Obwohl sie bereits ihre ganz normale Arbeitskleidung trug, wollte etwas in ihr sich diesem Umstand nicht anpassen. Der Weg zur Arbeit erschien ihr an diesem Tag falscher denn je, obgleich er sich nicht groß von ihren vorherigen Arbeitstagen unterscheiden würde. Etwas in ihr schrie sie an, nicht das Haus zu verlassen. Es war eine tiefe, innere Stimme, deren Präsenz ihr Spiegelbild nur erahnen konnte. Die grelle Lampe des fensterlosen Badezimmers ließ ihre Haut auf unnatürliche Weise blass erscheinen. Obwohl sie nicht krank war, konnte man sie in diesem Licht durchaus dafür halten. Sie überlegte zum Arzt zu gehen und sich krank schreiben zu lassen. Ihre frühere Therapeutin hatte ihr vor langer Zeit bereits empfohlen, solche Dinge zu unterlassen. Doch das lag weit in der Vergangenheit. Nun war sie sich nicht sicher, welchen Weg sie einschlagen sollte. Den Weg ihrer Gedanken oder den Weg der Vernunft.

© thewomanandonly

Piña Colada (10. Teil)

„If you like piña colada and gettin‘ caught in the rain. If you’re not into yoga. If you have half a brain…“, sangen die vier Frauen laut ins Mikro. Auf der kleinen Bühne im Highlight sahen sie aus, wie eine Girlsband, die nur darauf wartete entdeckt zu werden. Nur Sandys Gesang zerstörte mit ihrer hohen, schrillen Stimme das Bild.

Nachdem sie den Song über ein entfremdetes Ehepaar, die wieder zueinander finden, zu Ende gesungen hatten, setzten sie sich wieder auf ihren Stammplatz.

„Für unsere vier bezaubernden Gesangstalente, einmal Piña Colada aufs Haus.“ Mit einem Schwenk landete Juanitos Tablet auf ihrem Tisch und er verteilte nacheinander den Gratis Colada. Als letztes setzte er Naomi einen Cocktail hin und strahlte sie dabei an. Sie strahlte zurück.

„Lasst es euch schmecken“, sagte Juanito, bevor er sich vom Tisch entfernte.

„Was ist das denn zwischen euch?“, fragte Jules. Naomi winkte ab.

„Versucht erst gar nicht euer Schubladendenken auf mich anzuwenden.“ Doch die anderen blickten sich wohlwissend an. Jules erhob schließlich das Glas.

„So meine Lieben. Ich habe das Gefühl ein Lebensabschnitt geht vorbei und ein neuer Abschnitt beginnt. Darauf möchte ich einen Toast aussprechen.“ Sie räusperte sich, bevor sie weitersprach.

„Unsere einsame Romantikerin Sandy hat ihre Liebe gefunden, die sie in nicht allzu ferner Zukunft heiraten wird. Linda nimmt sich eine kurze Selbstfindungspause, bevor sie schließlich ebenfalls Max heiraten wird.“

„SO schnell möchte ich davon nicht sprechen“, wandte Linda ein.

„Du kannst mich doch nicht mitten in meiner bedeutenden Rede unterbrechen.“ Jules schüttelte den Kopf. „Wo war ich stehengeblieben? Ahja. Ich habe mich erfolgreich in der Kunstszene etabliert. Und Naomi ist und bleibt Naomi.“ Jules deutete zum Anstoßen an.

„Was soll das heiße, ich bleibe ich?“ Naomi blickte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Wir stecken dich einfach nicht eine Schublade“, erklärte Jules. Daraufhin lachte Naomi herzlich und stieß mit an.

„Was würde ich nur ohne euch machen.“ Naomi wischte sich eine Träne aus dem Auge.

„Ich weiß, wir können nicht für immer diesen Moment festhalten, aber die Zeit mit euch bleibt einfach unvergesslich“, verkündete Sandy. Alle nickten einstimmig.

Sie wussten, diese Zeit war nicht für immer, doch sie würden jeden einzelnen Moment genießen, sodass sie diese immer im Gedächtnis behalten würden. Welcher Weg das Leben auch für die vier Freundinnen noch bereithielt, sie würden nie die Gespräche in der Bar vergessen und die verbindende Freundschaft, die sie durch diese Zeit begleitete.

THE END

© thewomanandonly

Caipirinha (9.Teil)

Sie nippten an ihren Gläsern. Schluck für Schluck leerten sie die Gläser mit braunen Zucker.

„Also ich weiß nicht“, überlegte Jules laut.

„Die Welt ist zwar verrückt, aber das ist noch kein Grund gleich über das Heiraten und Auswandern zu sprechen“, führte Jules weiter ihre Überlegung aus.  Sandys Eröffnung ihre Internetliebe in zwei Monaten zu heiraten und eventuell auf die iberische Halbinsel auszuwandern, stoß auf eine Protestwelle seitens Jules und Linda.

„Das ist dumm“, sagte Linda direkt zu Sandy. Sandy blickte zu Naomi.

„Und was sagst du dazu?“ Naomi zog ihre rechte, gerade Linie, die eine ihrer Augenbrauen bildete, hoch.

„Ich halte es zwar für genauso bescheuert, wie Linda und Jules, jedoch…“, sie hob ihren Finger hoch und machte eine Pause „bist du genau das. Unsere verrückte, bescheuerte Sandy, die wir alle lieben. Deshalb wollen wir alle nur eins: Dass du glücklich bist.“ Sandy fing an zu strahlen. Sie beugte sich zu Naomi und umarmte sie fest. Naomi riss die Augen auf, wie bei einem Überfall. Danach tätschelte sie ihre Schulter.

„Alles gut. Versprich mir nur, dass du auf dein Herz aufpasst und dich nicht verlierst. Und wenn doch, dann sind wir hier.“ Naomi deutete mit ihrer Hand um sich. Aus dem Augenwinkel konnte sie die feuchten Augen von Sandy erkennen.

„Fang mir jetzt nicht an zu weinen“, protestierte Naomi.

„Nein, nein“, wehrte Sandy mit tränenerstickte Stimme ab.

„Linda, was gibt es eigentlich Neues bei dir?“, wechselte Sandy das Thema. Alle schauten zu Linda rüber, die ganz rot wurde.

„In einer Woche kann ganz schön viel passieren.“ Sie pickte mit ihrem Strohhalm in den Zucker rein, der sich am Glasboden absetzte, bevor sie noch einen Schluck nahm. Die Blicke der Anderen ruhten auf ihr. Sie holte tief Luft.

„Also folgendes ist passiert: Ich habe mich am nächsten Tag mit Max getroffen, so wie ihr es mir auch geraten habt. Er hat mir gestanden, dass er sich in mich verliebt hat und mich versucht hat auf den Kopf zu bekommen, weil ich offensichtlich noch an Jack hänge. Doch mir das zu verschweigen, war das Schlimmste überhaupt. Er meinte, er gebe mir Zeit, darüber nachzudenken. Doch in dem Moment habe ich gemerkt, dass sich mein Herz schon längst entschieden hat. Also bin ich nach Hause gefahren und habe Jack gesagt, es sei endgültig vorbei.“

„Und was ist jetzt mit Max und dir?“ Jules konnte lange Pausen mit Inhaltslücken nicht leiden.

„Wir haben uns gestern getroffen. Ich habe gesagt, was ich für ihn empfinde, doch ich brauche die nächsten Wochen Zeit für mich selbst. Die letzte Zeit war zu viel und ich möchte mich nicht gleich von einer Beziehung in die Nächste stürzen. Er versteht das und gibt mir die Zeit, die ich brauche“, erzählte Linda ihre Geschichte zu Ende.

„Aber das hört sich nicht nach einem Happy End an“, merkte Sandy traurig an.

„Moment“, unterbrach sie Naomi und schaute erwartungsvoll Linda an. Diese verdrehte leicht die Augen.

„Vor euch kann man auch nichts geheim halten. Ja, wir haben uns am Ende noch geküsst“, gab Linda zu. Sandy klatschte in die Hände. Naomi lächelte nur.

„Kann ich euch noch was bringen?“, fragte Juanito, der an ihren Tisch trat und auf ihre leeren Gläser deutete. Seine Föhnfrisur saß perfekt bis auf die eine Strähne, die ihm ins Gesicht fiel. Vergeblich versuchte er sie weg zu pusten.  

„Ich denke für heute haben wir genug“, gab Jules von sich. Die anderen nickten zustimmend. Er fing an, die leeren Gläser aufzusammeln.

„Ihr seid nächste Woche auch da zum großen Karaoke Abend?“, fragte er in die Runde. Sofort schauten sie sich alle lächelnd an.

„Wie könnten wir uns das entgehen lassen“, verkündete Naomi. Als er fertig mit Abräumen war, wandte er sich zu Naomi.

„Und sehen wir uns gleich noch?“, fragte er sie. Die Anderen starrten Naomi an.

„Wie könnte ich mir das entgehen lassen“, lächelte sie ihm zu.

© thewomanandonly

Flying Kangaroo (8. Teil)

„Ich sehe fliegende Kängurus“, lachte Jules, während Juanito die Cocktails nacheinander vor sie auf den Tisch stellte.

„Bitte nicht noch mehr schlechte Sprüche“, protestierte Linda.

„Was hast du gegen meine Sprüche?“ Mit gespielter Empörung sah Jules in die Runde.

„Sagen wir einfach, wenn man eine Show à la die schlechtesten Sprüche der Welt veranstalten würde, wärst du die erstklassige Gewinnerin“, quittierte Naomi.

„Und bei einer Show, wer kriegt in vierundzwanzig Stunden die meisten Männer ins Bett, wärst du ganz vorne dabei“, konterte Jules.

„Touché.“ Naomi hob ergebend ihre Hände.

„Wie lief es eigentlich mit Max?“, fragte Sandy und schlürfte an ihrem Strohhalm. Linda pickte mit ihrem Strohhalm bloß in ihrem Glas rum.

„Als ich loswollte, um ihn zu treffen, stand Jack vor meiner Türe“, erklärte Linda. Sie starrte dabei gedankenverloren in ihr Glas.

„Und was hast du getan?“, fragte Naomi laut. Linda zuckte mit ihren Schultern zusammen.

„Mit ihm geschlafen“, gestand Linda. Sandy verschluckte sich.

„Also ich habe vorher noch Max abgesagt. Er wirkte nicht gerade begeistert. Ich habe mich mit ihm am nächsten Tag getroffen und die Sache geklärt. Er wollte mir eigentlich sagen, dass er mich gerne näher kennenlernen möchte.“ Linda schaute geradeaus in die Runde.

„Und was ist jetzt mit Jack und dir?“, hakte Naomi weiter nach.

„Wir wollen es noch einmal versuchen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich eine gute Idee ist“, zögerte Linda.

„Das ist eine wirklich schlechte Idee“, kommentierte Jules. Alle starrten sie an.

„Naja, Linda hat Jack betrogen, weil er gefüllt nie Zuhause war. Und da er noch immer denselben Job hat, wird sich die Situation wohl nicht wirklich verbessern“, erklärte Jules.

„Ich muss erst einmal darüber nachdenken. Da könnte was dran sein. Er hat mir gestern erzählt, dass er nächsten Monat nach Australien muss und dann mindestens zwei Woche weg sein wird“, meinte Linda und nippt an ihrem Flying Kangaroo. Die Anderen blickten sich gegenseitig vielsagend an.

„Du wirst schon die richtige Entscheidung treffen“, stellte Sandy fest.

„Ich habe übrigens meine zwei ersten selbstgemalten Bilder verkauft“, verkündete Jules. Sandy klatschte begeistert in die Hände.

„Das sind schöne Neuigkeiten. Also geht es voran mit der selbstständigen Künstlerin?“

„Ja, ich habe sogar eine Galeristin gefunden, die an ein paar meiner Werke Interesse gezeigt hat.“ Jules strahlte über das ganze Gesicht. Etwas, dass sie bei ihrem alten Job nie gemacht hat.

„Darauf sollten wir nochmal anstoßen.“ Sandy erhob das Glas und ein vertrautes aneinander Klirren war zu hören.

© thewomanandonly

7. Brief an die Liebe meines Lebens

Liebe meines Lebens,

so oft habe ich schon gedacht, dich gefunden zu haben. So oft habe ich mich getäuscht. Zu oft. Vielleicht bist du nur eine Illusion, der Menschen hinterherrennen, um den Dingen einen Sinn zu geben. Ich würde keinen der Menschen aus meiner Vergangenheit diese Bezeichnung geben. Sehr viele Menschen sind Weggefährten, die einen Teil des Weges mit einem gehen, ohne den ganzen Weg zu bleiben. Es ist schön sie zu jenen Zeitpunkten an der Seite zu haben.

Ich weiß nicht, ob ich dich gefunden habe. Vielleicht bist du nicht mal eine Person. Ich versuche dich in eine Form zu bringen, doch vielleicht willst du das gar nicht. Vielleicht wird dir das nicht mal gerecht. Denn du bist vielleicht gar keine Person, sondern ein Gefühl. Und das macht mir nur noch größere Angst. Oft genug dachte ich zu lieben, aber am Ende habe ich mich gefragt, ob das eigentlich Liebe war. Ist Liebe Herzklopfen? Ist Liebe, wenn man sich warm und wohl fühlt? Ist Liebe die Fülle an Gedanken? Ich kenne die Antwort nicht und wünschte mir einfach, du könntest mir die Frage beantworten. Doch muss ich die Antwort selbst finden. Mich der Angst stellen, dass ich mich täuschen kann. Was dieses Gefühl auch ist, ich dachte immer, wenn es vor mir steht, würde ich es erkennen. Aber inzwischen fühle ich mich blind davor. Ich kann dir nicht sagen, was es ist, was du bist, nur, dass ich bin. Solange ich bin, werde ich suchen. Die Antwort, die vor mir verborgen bleibt. Und wer weiß, vielleicht bist du ja schon längst an meiner Seite, ohne dass ich es bemerkt habe.

In Liebe

thewomanandonly ©

Kurze Worte – Das Buch, welches ich nie schrieb

Das Buch, welches ich nie schrieb,
liegt vor mir,
wie ein Ballon, der an der Decke hängt,
die Luft wird entweichen,
die Leere ihn erfüllen.
Das Buch, welches ich nie schrieb,
in der Kälte und der Tristheit,
der Sommer ist noch zu weit,
als das ich ihn spüren könnt`.
Das Buch, welches ich nie schrieb,
ein Hauch von Glitzer,
der meine Augen blind macht.
Das Buch, welches ich nie schrieb,
als würde es auf einen warten.
Das Buch, welches ich nie schrieb.

© thewomanandonly

Cuba Libre (7.Teil)

„Sandy, Sandy, Sandy“, schnalzte Linda kopfschüttelnd, als sie ihre Cocktails von Juanito vorgesetzt bekamen. Während alle drei einen Cuba Libre vor sich auf den Tisch stehen hatten, war Sandy diejenige, die einen Che Guevara vor sich hingestellt bekam.

„Ihr wisst, dass ich der süße Typ bin. Außerdem habe ich versucht, wenigstens thematisch zu euch zu passen“, verteidigte sich Sandy. Jules hob als Erste ihr Glas.

„Ich würde mal sagen auf uns und auf ein freies Kuba“, sprach Jules ihren Trost des Abends aus. Die anderen erhoben ebenfalls ihr Glas und stießen mit ihr gegenseitig an.

Naomis leopardenmusterlackierten Fingernägel tippten wild an dem Glas ihres Cuba Libres rum, während sie in der Bar Ausschau hielt.

„Was ist denn bei dir los?“, fragte Linda erstaunt. Naomi blickte sie an.

„Ich habe mich letzte Woche, nachdem ihr weg wart, noch mit Juanito unterhalten“, setzte Naomi ihre Erzählung an.

„Wer ist Juanito?“, fragte Jules irritiert.

„Der Kellner, der uns immer die Getränke bringt“, erklärte Naomi.

„Auf jeden Fall habe ich ein bisschen meine Krallen ausgefahren, doch es ließ ihn komplett kalt. Ungebunden und nicht interessiert. Habe ich etwa meinen Charme verloren?“ Sofort schüttelten alle synchron den Kopf. Naomi verdrehte immer alle Männer die Köpfe.

„Dann gibt es nur zwei Erklärungen. Die Erste: er ist homosexuell. Dagegen sprechen jedoch einige Indizien.“

„Was für Indizien?“, fragte Sandy.

„Mein Radar sagt Nein. Und er hat den anderen gutaussehenden Typen, der neben uns an der Bar stand komplett ignoriert. Im Gegensatz zu mir. Der ist noch später mit zu mir gefahren.“

„Naomi“, rief Sandy empört. Naomi lächelte leicht mit einem Schulterzucken.

„Das brachte mich auf die zweite Erklärung. Er steht auf eine Andere.“

„So oder so. Wenn er es dir nicht sagt, werden wir es wohl nie erfahren. Eine von vielen Sachen, die ich niemals wissen wollte“, kommentiere Linda genervt.

„Alles in Ordnung bei dir?“ Jules schaute Linda genauer an.

„Max hat sich gemeldet. Er will sich privat mit mir treffen und reden“, erzählte Linda und rührte mit ihrem Strohhalm im Glas rum.

„Wann trefft ihr euch?“, fragte Jules weiter.

„Ich weiß nicht mal, ob ich mich mit ihm Treffen will.“ Linda nippte einen großen Schluck.

„Du solltest dich mit ihm treffen. Was auch immer er dir zu sagen hat, lass ihn dir das sagen“, gab Naomi ihr den Ratschlag.

„Du meinst, so wie der Kellner dir alles sagt?“, stachelte Linda. Naomi atmete kurz flach ein.

„Linda, du musst mich nicht gleich angreifen. Ich will dir nichts Böses“, sagte Naomi mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. Linda schaute sie mit ihrem Dackelblick an.

„Tut mir leid. Ich weiß, dass du nichts dafürkannst. Ich wünschte nur mein Liebesleben wäre gerade so unkompliziert wie deins“, erklärte Linda entschuldigend.

„Kein Problem. Das wird schon wieder.“ Naomi lächelte aufmunternd Linda zu. Linda nickte ihr dankbar entgegen. Zusammen tranken sie ihre Cocktails weiter aus.

© thewomanandonly

Der Riss

Ich erinnerte mich, wie ich auf dem feuchten Boden der U-Bahnstation ausrutschte. Mein Po rodelte herunter. Das Karnevalsbier klebte an meiner Hose. Als ich auf mein Handy sah, welches ich während meines rutschigen Manövers in der Hand hielt, sah ich ihn. Den Riss. Er durchschlängelte sich an der unteren, linken Ecke meines Handys. Eine Entscheidung, ein Riss.

Ein Jahr später. Ich kramte meinen Laptop aus der Tasche. Als ihn aus der Tasche kramte, sah ich ihn oben Links. Den Riss. Eine Entscheidung, ein Riss.  

Zwei Zeitpunkte. Ein Blick. Eine Frage. Ich starre den Riss an. Er stört mich. Irgendwann vergesse ich ihn. Er verschwindet aus meinem Blickfeld. Auch wenn er noch da ist. Er ist immer da. Nur nicht in meinem Wahrnehmungsfeld. Er verschwindet in der Nicht-Wahrnehmung. Eine Entscheidung, ein Riss. Dieselbe Frage. Den ersten Riss kittete das Schicksal. Der zweite Riss steht in den Sternen.

© thewomanandonly

Tequila Sunrise (6. Teil)

„Du hast was?“ Sandy bekam kurze Schnappatmungen. Auch Naomi und Linda hielten für einen kurzen Moment den Atem an.

„Ich habe meinen Job gekündigt“, erklärte Jules gelassen.

„Aber wieso?“ Naomi versuchte zwanghaft diese neue Information mit ihrem vorherigen Bild von Jules Arbeitsleben abzugleichen. Vergeblich.

„Ich weiß, ihr denkt nur weil ich viel gearbeitet habe und so viel Zeit und Energie in meine Arbeit gesteckt habe, dass ich meinen Job liebe. Aber das tue ich nicht. Habe ich ehrlich gesagt noch nie.“ Der Kellner brachte ihnen vier Tequila Sunrise. Linda griff ohne zu zögern danach und trank sofort einen Schluck, ohne das wöchentliche Anstoßen abzuwarten. Sandy starrte sie irritiert an.

„Den habe ich gebraucht“, verteidigte sich Linda. Dann wandten sich alle wieder zu Jules.

„Aber was willst du stattdessen machen?“, fragte Naomi unverwandt weiter.

„Naja, ihr wisst doch, was ich früher immer so geliebt habe“, setzt Jules an.

„Malen. Ich erinnere mich noch an deine ganzen Bilder“, entgegnete Linda.

„Genau. Ich weiß, es hört sich vermutlich total bescheuert an, aber ich würde nichts lieber machen, als den ganzen Tag zu malen. Das war einfach schon immer mein Traum. Als ich plötzlich nach Japan versetzt wurde, da wurde mir klar, dass ich das nie wirklich wollte. In einem fremden Land mit fremden Leuten und noch dazu einen Job, den ich nur ganz okay finde, aber nie mein Herz auf diese Weise höherschlagen lässt. Also habe ich gekündigt und habe seitdem schon drei Bilder gemalt. Gerade suche ich eine Galeristin, die mir hilft mich mit meiner Kunst selbstständig zu machen.“ Also Jules von ihrem neuen Lebensentwurf erzählte, leuchteten ihre Augen. Und obwohl die drei Freundinnen zuerst verhalten reagiert hatten, sahen sie ihre beste Freundin das erste Mal wirklich glücklich.

„Du wirst eine wundervolle Künstlerin. Ich will auf jeden Fall eine Karte für deine erste Ausstellung.“ Euphorisch umarmte Sandy Jules, die versteinert dort sitzen blieb, da sie mit einem solchen Überfall nicht gerechnet hatte.

„Ist da jemand etwa sehr glücklich?“, merkte Naomi an.

„Ich? Ich freue mich einfach für meine beste Freundin. Das ist alles“, wehrte Sandy ab. Naomi grinste breit.

„Okay, okay. Es könnte sein, dass das mit Nick und mir etwas Ernsthaftes wird. Ich habe vorgestern seine Eltern kennengelernt und morgen fahren wir für zwei Tage aufs Land“, gab Sandy zu, während ihre Wangen leicht erröteten.

„Oho“, tönte Naomi.

„Genug von mir. Was ist mit dir, Linda?“, wechselte Sandy das Thema.

„Ich halte mich von jeglichen Männern fern. Naomis wohl weisester Ratschlag.“ Linda blickte anerkennend in Naomis Richtung.

„Danke, dass Orakel spricht immer gerne kluge Weissagungen aus“, lächelte Naomi.

Dann tranken sie in Ruhe ihren Tequila Sunrise aus.

© thewomanandonly

6. Brief an die Liebe meines Lebens

Liebe meines Lebens,

ich habe das Gefühl dir zu sehr hinterherzujagen. Du erscheinst mir wie ein dahinflatternder Schmetterling, den ich einfach nicht einfangen kann. Am Ende stehe ich bei jedem Versuch mit leeren Händen da. Vielleicht sollte ich, statt dir nachzujagen, mich einfach hinsetzen und abwarten. Vielleicht kommst du dann von alleine auf mich zugeflogen. Vielleicht setzt du dich dann auf meine äußere Handfläche, wenn ich sie dir vorsichtig entgegenhalte. Und ganz vielleicht betrachte ich am Ende die Art von Schönheit, der ich immer hinterherjagt bin.

Ich habe mich schon immer zu oft an verlorene Hoffnung geklammert. Habe mich in Dingen, Menschen verloren, statt einfach meinen eigenen Weg zu gehen. Immer wenn ich nach Liebe gesucht habe, kam ich ein Stückchen mehr von meinem Weg ab. Wenn du mir jetzt über den Weg laufen würdest, dann kann ich dir nicht sagen, ob ich dich erkennen würde. Man sagt manche Leute werden von der Liebe blind, doch ich habe das Gefühl blind vor der Liebe zu sein. Ich traue meinen Gefühlen nicht. Aus Angst eine falsche Entscheidung zu treffen, treffe ich lieber gar keine Entscheidung.

Ich weiß, ich kann dich nicht suchen. Ich weiß aber, dass du mich finden kannst. Also werde ich mich einfach hinsetzen und warten. Es wird kein quälendes, sehnsuchtsvolles Warten sein, sondern ein Warten bei dem ich die Augen schließe, die warmen Sonnenstrahlen genieße, den Duft einer frischen Blumenwiese einatme und wer weiß, vielleicht lässt sich schneller als ich dachte ein Schmetterling vor mir nieder.

In Liebe

© thewomanandonly