Das Karussell der Liebe

„I’ll never love again“ sang einst Lady Gaga über den Verlust einer Liebe. Und ich denke es mir jedes Mal und werde immer wieder überrascht, wenn ich dann doch noch einmal etwas für einen anderen Menschen empfinden kann. Häufig ist es nur ein Ansatz. Ein kurzer Anflug von Sympathie, der schnell wieder verfliegt. Eine anfängliche Begeisterung, die wieder verschwindet, zusammen mit dem Menschen für die sie empfunden wurde. Es war nie mehr als das. Und wurde seit einer Ewigkeit nicht mehr. Keine Zukunft von der Gemeinsam geträumt wurde. Keine Bekenntnisse, keine Liebe. Das Karussell der Liebe scheint nie still zu stehen. Gerade, wenn man denkt, jemand würde zusammen mit Einem alle Runden die Nacht hindurch fahren, steigt er aus und jemand Neues steigt ein. Nur für ein paar Runden. Nie zu lange. Und ich frage mich, wann hört es auf? Wann komme ich endlich zum Stillstand?

Ich fahre diese Runde nun wieder alleine in der stillen Nacht. Die Sterne verdeckt von den Lichtern des Karussells, welche mein Gesicht blenden. Das Karussell, welches einfach nicht stillsteht.

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Am Strand der Tränen

Ich stand am Strand und wusste nicht weiter. Vor wie vielen Wochen, vor wie vielen Jahren hatte ich damit angefangen, die falschen Entscheidungen zu treffen, die mich heute hierhin brachten? Alleine war ich in mein Auto gestiegen und bin einfach losgefahren bis ich das Meer erreichte. Das Ende des Landes. Das Ende meines Spontantrips. Als könnte ich, wenn ich dabei mein Ziel erreicht hätte, auch in meinem Leben plötzlich all meine Ziele und Träume erreicht haben. Stattdessen sah ich zu, wie ich einen Schritt vor dem anderem in den Sand trat, meinen Füßen zusah, wie sie kurz unter Wellen vergraben wurden, bevor ich sie wieder herausholte. Nichts von alldem brachte mich dorthin, wo ich heute eigentlich sein wollte. Ich versank bloß im Sand an Ort und Stelle. Nichts weiter. Und als ich so in die Ferne sah, gab es nichts, was man erreichen könnte. Nichts Greifbares. Der Wind ließ mich daran erinnern, wer ich war, wer ich bin, wer ich sein könnte. Daran, dass ich hierhin geflüchtet war, vor mir selbst und meinem Leben, welches ich Stück für Stück über all die Jahre hinweg in den Sand gesetzt hatte. Es schien mit jeder Welle, wie meine Füße im Sand, zu verschwinden.

Während ich dort stand, spürte ich das erste Mal die Nässe in meinem Gesicht. Ein Tropfen, der meine Wange hinunterglitt. Es blieb nicht bei Einem. Das erste Mal seit sehr langer Zeit weinte ich. Ich weinte mir die letzten Jahre von der Seele. Die Narben, die nur dürftig geflickt wurden, rissen mit einem Mal auf. Ich konnte all das nicht verhindern, nicht mehr zurückhalten. Zu lange hatte ich den Schmerz meiner Seele zurückgedrängt bis er sich schließlich mir aufdrängte. Das erste Mal erlaubte ich es mir traurig zu sein. Nicht glücklich sein zu müssen. Nur Ich zu sein, mit all meinem Schmerz, meinen verpassten Chancen, mein ungelebtes Leben, welches ich doch einst unbedingt leben wollte, aber nie ausleben konnte. Falsche Entscheidungen, falsche Zeiten, all das brachte mich nun hierhin. An den Strand der Tränen.

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Zigarettenrauch

Gewidmet an meine Großeltern

Sie hörte das Knacken des Plattenspielers. Stand by me sang Ben E. King im Hintergrund, während er in dem kleinen Wohnzimmer mit brauner Blumenmustertapete auf sie zukam. Galant legte er einen Arm um ihre Hüfte und griff mit seiner anderen freien Hand, die ihre. Die letzten Wochen mit ihm fühlten sich an wie ein einziger Film. Als sie auf dem Dorffest durch ihre beste Freundin aneinander vorgestellt wurden, waren sie beide hin und weg voneinander. Sie konnten kaum die Finger voneinander lassen. Er führte sie tanzend durch das Wohnzimmer. Sie lächelte vergnügt und ließ sich nur zu gerne von ihm umherwirbeln.

„Wir sollten heiraten, findest du nicht auch?“, fragte er sie, nachdem er sie nach einer Drehung wieder zu sich zurückzog. Sie schnappte nach Luft.

„Was? Jetzt schon? Machst du jeder Frau so schnell einen Antrag?“ Ihre Stimme zitterte vor Nervosität.

„Nicht jetzt. Aber eines Tages würde ich mich sehr darüber freuen, der Mann an deiner Seite sein zu dürfen.“ Dann drehte er sie erneut herum. Als er sie diesmal zu sich zog, stahl er sich einen Kuss von ihr. Wie so oft in den letzten Wochen. Sie genoss jeden einzelnen davon. Nachdem das Lied vorbei war, setzten sie sich auf das braune Stoffsofa. Sie nahm eine Zigarette aus ihrer Zigarettenschachtel und bot ihm auch eine an. Er schüttelte den Kopf.

„Du weißt doch, ich rauch eine andere Marke“, erklärte er und zückte eine eigene Schachtel aus der Tasche seines Jacketts.

„Ich weiß. Ich wollte nur wissen, ob du es auch noch weißt“, neckte sie ihn. Er kniff sie leicht spielerisch in die Seite.

„Du bist frech“, kommentierte er mit einem sanften Lächeln. Dann steckte er sich die Zigarette in den Mund und beugte sich zu ihr vor. Sie zündete das Feuer an und hielt es an seine Zigarette, die davon anfing zu brennen.

„Nicht so frech, wie du“, konterte sie zurück. Anschließend steckte sie sich ihre eigene Zigarette in den Mund und zündete sie an. Eine Weile saßen sie schweigend da, während der Rauch der Zigaretten in die Luft hinaufstieg. Die Asche tippten sie auf den Aschenbecher ab, welcher auf dem hölzernen Wohnzimmertisch stand.

„Wenn du mich heiraten willst, willst du dann auch Kinder mit mir?“, fragte sie ihn beiläufig.

„Ein Haufen Kinder“, sagte er wie eine Selbstverständlichkeit. Sie musste lächeln. Das liebte sie so zwischen ihnen. Die großen Worte wurden nebenbei gesagt, als seien sie selbstverständlich. Daran erkannte sie sie. Die Liebe zwischen ihnen. Sie brauchten keine großen Gesten, um sich ihre gegenseitigen Gefühle zu gestehen. Es reichten diese kleinen beiläufigen Bemerkungen, die ihre Liebe zu etwas Besonderes machten.

„Und du glaubst wirklich mein Vater wird das Gutheißen?“, fragte sie ihn mit einem schiefen Grinsen.

„Was? Das wir einen Haufen Kinder machen?“ Sein Blick wanderte irritiert zu ihr.

„Nein, dass du mich heiratest“, erklärte sie ihm. Er blickte sie einen Moment schweigend an. Dann reckte er sein Kinn in die Höhe.

„Das soll er mir erstmal verbieten!“ Sie rauchten schweigend an ihren jeweiligen Zigaretten weiter bis nur noch Stummel übrig blieben, die sie schließlich im Aschenbecher ausdrückten.

„Wir sollten gleich damit anfangen, findest du nicht?“ Sie schaute ihn mit einem schelmischen Blick an. Er hingegen blickte sie ahnungslos an.

„Womit? Mit dem Heiraten?“

„Nein, mit dem Kinder kriegen.“ Da blitzte etwas in ihm auf. Mit seinen Lippen formte er ein tonloses Oh, bevor er auf dem Sofa zu ihr rückte. Er fing sie schließlich an zu küssen, während er seine Hand vorsichtig unter ihr Kleid schob. Sie küsste wild entschlossen zurück und griff umgekehrt mit ihrer Hand unter sein Oberteil.

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Die Worte der Vergangenheit – Eine Kurzgeschichte

Linda hielt den Brief in ihren Händen. Er musste was Besonderes sein, dachte sie sich und las ihn Zeile für Zeile. In eine Geschichte, ein Leben eintauchte, welches nicht Ihres war. Am Ende entfuhr ihr ein Lächeln. Sie fühlte sich für einen kurzen Moment wie etwas Besonderes, war sie doch die Adressatin des Briefes in ihrer Hand. Sie erwischte sich dabei, wie sie einige Zeilen nochmal lesen, als würde irgendwas verstecktes Dazwischen stehen. Doch waren es nur Worte. Rein, klar. Und doch wie ein unausgesprochenes Geheimnis.

Sie wollte den Brief gerade in die Briefbox in ihre Schublade legen, als sie den Brief von der Person sah, die ihr davor das letzte Mal geschrieben hatte. Sie kramte ihn raus und fing ihn an zu lesen. Das Für Immer in ewiger Liebe stand dort versprochen. Ein zynisches Lächeln umspielte ihre Lippen. Das war wohl nicht ganz so eingetroffen, dachte sie sich. Sie wollte den Brief ihres ehemaligen Geliebten wieder zurückstellen, als dahinter einen weiteren Brief fand. Sie nahm ihn heraus. Es folgten zwei weitere Briefe vom gleichen Verfasser. Ihre Liebschaft davor, der ebenfalls von einer Liebe für immer gesprochen hatte. Plötzlich schmeckte sie den bitteren Beigeschmack der Briefe. Wie sie in den Momenten, wo sie diese las, dachte sie seien was Besonderes. Und davon ausging, dass auch sie wäre was Besonderes für die Verfasser. Wie konnte sie sich nur so täuschen?

Es waren alle Briefe, die sie noch hatte. Zwei Briefe hatte sie vor Jahren einst zerrissen. Die Briefe ihrer ersten Liebe. Sie hatte es irgendwann nicht mehr ausgehalten, wieder und wieder die Worte der Vergangenheit zu lesen, die nicht der Gegenwart entsprachen. Von der immerwährenden Liebe zu lesen. Davon was Besonderes zu sein. Denn sobald die Fassade bröckelte, sie Risse aufwies, war es vorbei. Die Neubesetzung ihrer Rolle war schneller da, als sie das Studio verlassen konnte. Und so schrieben ihre Verfasser schon neue Briefe von der immerwährenden Liebe an eine andere Adressatin, während sie noch an ihren alten, vergessenen Worten hing. Sie stellte die alten Briefe zurück in die Briefbox. Dann nahm sie den neuesten Brief in die Hand und hielt ihn kurz in der Hand, bevor sie ihn dahin legte, wo er hingehörte. Zu den Worten der Vergangenheit.

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I like to be in America

Sie segelte der neuen Welt entgegen. Die frische Brise wehte ihr ins Gesicht und die Haare aus dem Gesicht. Die salzige Meeresluft gab ihr das Gefühl eines Urlaubs. Dabei wartete ihr neues Leben dort in der Ferne, wo die Stadt-Silhouette immer größer und klarer wurde. Ihr Traum wurde wahr. Ein neues Leben in einer neuen Stadt eines fernen Landes. Sie wusste nicht, wie lange dieser Traum schon in ihr lebte, doch nun wo er wahr wurde, schien sie sich nur noch mehr in einem Traum zu befinden. Die Realität wartete dort in der näherkommenden Ferne auf sie. Sie wusste schon jetzt, sie würde glücklich wie nie zuvor sein. Sie winkte ihrem neuen Leben entgegen.

Sie schrubbte den Boden. In der Pose fühlte sie sich wie Aschenputtel. Ein Aschenputtel, dass weder einer guten Fee noch einem Prinzen über den Weg gelaufen war. Wie sehr wünschte sie sich ihr altes Leben wieder. Die neue Welt war grausam zu ihr. Nirgends gab es Arbeit. Ihre Mietgemeinschaft glich einem heruntergekommenen Loch und nicht dem Kaninchenbau aus Alice im Wunderland wie sie sich am Anfang eingeredet hatte. Diese Stadt hatte nichts Schillerndes, Glänzendes an sich wie in ihren Träumen. Nur Löcher und dunkle, schmutzige Ecken. In einer dieser Ecken kroch sie gerade über den Boden und schrubbte und schrubbte, als könnte sie daraus doch noch etwas Glänzendes machen. Der Traum war vorbei. Sie sparte ihr Geld für ein Rückfahrtticket, hatte aber nicht mal die Hälfte des Geldes dafür zusammen.

Es dauerte ein Jahr bis sie sich auf dem Schiff zurück in ihre Heimat befand. Der Wind wehte ihre Haare ins Gesicht, als sie sich von der großen Stadt ihrer gescheiterten Träume abwandte und ihrer Heimat entgegenblickte, die noch weit außerhalb ihres Blickhorizontes lag. Träume sind eine seltsame Sache. Sind sie erstmal da, packt einen die Nostalgie und katapultiert einen zurück in die Vergangenheit. Träume sind Fluchtpunkte, genau wie die Vergangenheit. Beide sind dafür da, die Gegenwart zu vergessen.

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Der Klebstoff der Erinnerung

Ich konnte früher nie loslassen. Eine Eigenschaft, die ich an mir nicht mochte. An Erinnerungen zu kleben wie Glitzer auf einer alten Postkarte. Noch heute erwische ich mich dabei, wie ich mich an Dingen festhänge, die scheinbar bedeutungslos sind. Als könnten mich diese Sachen vor mir selbst retten. Vor der Angst, die wirklich in mir steckt.

Ich habe geliebt. Doch ist es so lange her. Sooft dachte ich danach, geliebt zu haben, wirklich zu lieben, habe es mir eingeredet, weil ich Angst vor der Wahrheit hatte. Die Wahrheit, dass ich gar nicht mehr lieben kann. Immer, wenn ich mich beinahe Fallenlasse, reiße ich das Ruder um und übernehme die Kontrolle. Bin der Kapitän, gebe die Richtung vor. Habe dabei keine Liebe mehr in mir, denn Lieben bedeutet auch immer sich fallen zu lassen. Und ich denke an all die Male, wo ich Fallengelassen wurde. Die Wahrheit ist, ich weiß selbst nicht, wie ich den Aufprall überstanden habe. Etwas in mir, möchte nie wieder aufprallen. Deshalb lasse nur ich die Menschen aufprallen, denn ich habe Angst bei meinem nächsten Aufprall ganz zu zerbrechen. Die Ungewissheit, ob es nicht mein letzter Aufprall gewesen sein könnte.

In kurzen Momenten erwische ich mich dabei. Wie ich kurz davor bin, mich doch noch ein letztes Mal fallen zu lassen. Wie ich hoffnungsvoll erwarte, es könnte da noch etwas geben, von dem ich dachte, es sei für immer verschwunden… Träume von Menschen, die ich nicht einmal kenne. Als könnten sie lebendig werden und gleichzeitig mich zum Leben erwecken. Der Grund, warum Menschen Geschichten erzählen, ist der, dass sie Menschen Leben einhauchen wollen. Etwas in mir will etwas tot Geglaubtes zum Leben erwecken. Dabei vergesse ich fast, dass alles was lebt auch wieder sterben kann. Bedenke deine Sterblichkeit, Mensch! Und vielleicht lass ich mich gerade deshalb früher oder später wieder fallen.

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Der Weg der Träume (Kurzgeschichte)

Wer bin ich? Diese Frage stellte sich Samantha immer wieder. Sie war noch jung, ging zur Schule. Trotzdem musste sie sich bereits entscheiden, was sie in Zukunft machen wollte. Du darfst bloß keinen Fehler machen, pflegte ihre Mutter zu sagen. Doch Samantha verunsicherte diese Aussage so sehr, dass sie sich nicht entscheiden konnte. Die Angst, das Falsche zu wählen und ihr Leben lang mit diesem Fehler zu leben war zu groß. Sie wollte sich am liebsten für gar nichts entscheiden.

Geld spielte in ihrer Familie eine entscheidende Rolle. Es war in ihrer Familie kaum vorhanden, sodass die höchste Priorität dort lag. Keiner konnte ihr sagen, wo sie glücklich wäre, weil gar niemand danach fragte. Den Erwartungen der anderen schien Samantha nie gerecht zu werden. In ihrer Jugend wäre sie deshalb fast im Heim gelandet, wenn ihre Großeltern sie nicht aufgenommen hätten.

Sie hatte sich auf dieser Welt noch nie wirklich willkommen gefühlt. Eher fühlte sie sich wie eine Außerirdische, die rein zufällig auf dem Planeten Erde gelandet war und jetzt zusehen musste, wie sie klarkommt.

Ihre Familienmitglieder haben bereits in ihrer Jugend all ihre Träume begraben, wenn sie denn überhaupt je welche besaßen. Sie hielten sich selbst im Käfig namens Leben gefangen ohne zu erkennen, dass das Gitter offenstand. Die Möglichkeit hinauszufliegen war immer da. Doch sie wurde nie von ihnen genutzt.

Samantha wollte nicht, wie sie werden. Trotzdem packte sie mit ihren sechszehn Jahren und der Gewissheit bald das Ende ihrer Schulzeit entgegenzusehen, eine gewisse Lebenspanik. Ihre Eltern gaben ihr zwar die die freie Wahl, doch sie durfte in ihren Augen keine falsche Entscheidung treffen, sonst verlor sie ohne zu zögern ihre Unterstützung. Und so traf sie bis zu ihrem Schulabschluss keine Entscheidung. Auch danach hangelte sie sich von einem Job zum Nächsten ohne je Erfüllung zu finden. Sie verdiente gut, musste aber ihre Eltern stets finanziell mittragen. Etwas eigenes konnte sie sich nicht leisten, denn so gut sie auch verdiente, es reichte nicht für eine eigene Wohnung. Lediglich ihr Studium war stets ihr wirklicher Wunsch gewesen. Tief in ihrem Inneren trug sie jedoch einen Herzenswunsch, den sie nur selten in ihrer Freizeit ausübte. Das Schreiben. Der Traum von einem eigenen Buch schien mit jeder Stunde, den sie damit verbrachte über die Runden zu kommen, in weiter Ferne. Von Geschreibsel kann doch keiner Leben. Ihre Mutter, die sie stets an die Liebe zu Büchern und Geschichten gebracht hatte, sah den Wert ihrer eigenen Tochter nicht und so beschloss die Tochter, es auf eigene Faust zu versuchen. Sie beendete ihren Job, weshalb sie von Zuhause rausgeschmissen wurde. Heute sitzt sie auf der immerselben Bank und erzählt den Menschen ihre Geschichten.

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Irgendwo in einer Welt voller Menschen

Irgendwo in einer Welt voller Menschen… so fing ihr Satz an, den sie sich überlegt hatte, wenn sie jemand ansprechen sollte. Emily wusste noch nicht, wie ihn beenden wollte, während sie am Rande der Tanzfläche in Mitte des Rubins stand. Wobei der Tanzschuppen wenig glamourös erschien, sondern mehr wie ein billiger Flohmarkt. Hier und da Bling-Bling, aber eigentlich nur alter, unbrauchbarer Schrott.

Was sie hierhin brachte, war eine Mischung aus Samstagsabendseinsamkeit und die Tatsache das all ihre Freundinnen bereits verplant oder in einer langweiligen Beziehung vergeben waren und damit verdrängten noch jung zu sein und gleich zu Bingo-Abende übergingen (wobei sie sich gleichzeitig fragte, welche alte Menschen heute noch Bingo spielten). Und so war sie nach einem Glas Wein und der tausendsten, deprimierenden Wiederholung von Bridget Jones auf die Idee gekommen ihre junge Zeit vollkommen auszuschöpfen und in einen Club zu gehen. Das Klientel in dem rotfarbenen Edelstein ließ zu wünschen übrig und so überlegte sich Emily bereits nach einem Glas Cola, die sie am Rande der Tanzfläche zu sich nahm, wieder nach Hause zu gehen.

Plötzlich stieß von der Seite ein großer Kerl mit leichtem Bart gegen sie. Sein Bier schwappte über ihr halbes Hemd, dass extra weiß war, um im Blaulicht leuchten zu dürfen. Sie sah ihn wütend an, holte dann aber einen tiefen Atemzug.

„Sorry.“ Der Mann hob entschuldigend seine Hand nach oben. Dann betrachtete er Emily näher.

„Ich bin übrigens Cal“, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand, mit der er sich gerade noch entschuldigt hatte.

„Irgendwo in einer Welt voller Menschen…“ Noch bevor sie den Satz, dessen Ende sie immer noch nicht kannte, zu Ende ausführen konnte, unterbrach sie Cal.

„Hast du irgendwas genommen?“ Emily machte den Mund auf, doch Cal drehte sich bereits um und stürzte sich auf das nächste Objekt seiner Begierde, die er mit seinem Smalltalk nervte.

Emily stand wieder alleine in dem Club voller Menschen. Sie war schon jetzt genervt und wollte nicht mehr. Sie hatte gehofft, wenigstens die Musik würde sie zum Tanzen bringen. Doch statt guter Partymusik dröhnten die Boxen nur gleichbleibende Techno-Musik heraus. Sie stellte ihr halbleeres Glas auf den Tresen und drehte sich um. Was sie auch gesucht hatte, sie würde es garantiert nicht hier finden.

An der Garderobe gab sie ihre Marke ab und bekam ihre dicke Winterjacke zurückgegeben.

„Heeey!“ Ein offensichtliches laufendes Fass Bier rempelte sie von der Seite an und sprach sie an.

„Sorry“, zitierte sie den Typen von zuvor, dessen Namen sie schon wieder vergessen hatte und ging weg. Sie wusste, dass Höflichkeit anders geschrieben wurde, doch sie hatte nach diesem Abend kein Interesse mehr an oberflächlicher Höflichkeit.

Genervt stapfte sie in die kalte Dezembernacht heraus und ging durch die Menschen befüllten Straße einer Samstagnacht. Sie ging ohne Blickkontakt aufzunehmen an den Grüppchen vorbei. Ihr einziges Ziel war ihr Zuhause. Dafür musste sie zuerst die Bahnhaltestelle erreichen. Sie sah auf ihr Handy. Die Bahn würde ihn zehn Minuten da sein und sie brauchte noch fünf Minuten bis zur Bahnhaltestelle. Sie ging an zahlreichen Clubs und Bars vorbei, wobei bei Einigen laute Musik rausdröhnte. Ein Laden spielte ein wirklich gutes Lied ab. Wie gerne hätte sie an diesem Abend zu diesem Lied getanzt. Doch nun war sie bereits vor zwölf Uhr wieder auf den Weg nach Hause. Wie sie es auch drehte und wendete, sie wusste nicht, was Leute jedes Wochenende hier hintriebt außer pure Einsamkeit und Verzweiflung mit einem Hauch Verdrängung. Was versuchte sie zu verdrängen?

Diese Frage stellte sich Emily, während sich durch die Kälte der Nacht sichtbar eine Wolke vor ihrem Gesicht bildete und sich dann wieder in Luft auflöste. Bis zum nächsten Atemzug.

An der Bahnhaltestelle zeigte ihr die Tafel, die verbleibenden vier Minuten bis zum Ankommen ihrer Straßenbahn an. Ein Typ kam plötzlich auf sie zu.

„Hallo“, lächelte sie ihm freundlich zu. Sie wusste nicht, woher dieser Impuls kam. Der Typ sah sie an.

„Hallo“, lächelte er freundlich zurück und blieb einen Meter vor ihr stehen. Sein Grübchen fiel ihr selbst in dem unscheinbaren Nachtbeleuchtung auf. Sie hatte schon immer eine Schwäche für Lachgrübchen gehabt.

„Kann ich deine Nummer haben?“ Sie wunderte sich selbst darüber, sich das Fragen zu hören. Der Typ fing an breiter zu Grinsen.

„Natürlich“, sagte er. Sie hielt ihm ihr Handy hin, wo er nur noch seinen Kontakt eingegeben musste. Während er die Zahlenreihenfolge seiner Nummer eingab, merkte Emily wie hinter ihr die Straßenbahn einfuhr.

„Danke“, sagte Emily, als ihr der Unbekannte, dessen Name sie auf ihren Bildschirm leuchten sehen konnte, das Handy zurückgab. Die Bahn hinter ihr war bereits zum Stehen gekommen und sie stieg ein. Sie suchte sich einen Fensterplatz, der einen Blick auf seine Richtung freigab. Als die Bahn losfuhr, suchte sie die Bahnhaltestelle nach seinem verabschiedenden Blick ab. Aber er war bereits in der dunklen Nacht verschwunden. Eine Enttäuschung machte sich in ihrer Brust breit. Sie wusste nicht, dass dieser Enttäuschung, noch Bitterkeit weichen würde, wenn er sie morgen per Chat fragen würde, ob sie ihm Nacktbilder von sich schicken könnte. In diesem Augenblick wusste sie nur, dass schon jetzt ihre romantische Vorstellung der Realität gewichen war. Wie so viele Male zuvor. Irgendwo in einer Welt voller Menschen… Sie kannte noch immer nicht das Ende jenes Satzes.

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Der Riss

Ich erinnerte mich, wie ich auf dem feuchten Boden der U-Bahnstation ausrutschte. Mein Po rodelte herunter. Das Karnevalsbier klebte an meiner Hose. Als ich auf mein Handy sah, welches ich während meines rutschigen Manövers in der Hand hielt, sah ich ihn. Den Riss. Er durchschlängelte sich an der unteren, linken Ecke meines Handys. Eine Entscheidung, ein Riss.

Ein Jahr später. Ich kramte meinen Laptop aus der Tasche. Als ihn aus der Tasche kramte, sah ich ihn oben Links. Den Riss. Eine Entscheidung, ein Riss.  

Zwei Zeitpunkte. Ein Blick. Eine Frage. Ich starre den Riss an. Er stört mich. Irgendwann vergesse ich ihn. Er verschwindet aus meinem Blickfeld. Auch wenn er noch da ist. Er ist immer da. Nur nicht in meinem Wahrnehmungsfeld. Er verschwindet in der Nicht-Wahrnehmung. Eine Entscheidung, ein Riss. Dieselbe Frage. Den ersten Riss kittete das Schicksal. Der zweite Riss steht in den Sternen.

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Wonderful Life – Eine Kurzgeschichte

Das Schwierigste im Leben war nicht für andere zu leben, sondern für sich selbst. Auch Susi machte diese Erfahrung. Sie stand auf der Brücke an der Themse und schloss die Augen. Sie dachte an jene lauwarme Sommernacht vor sechs Jahre, wo sie bereits schon mal an dieser Stelle stand. Sie stand auf der anderen Seite des Geländers. Sie erinnerte sich an den Mann, der sie aufhielt. Der Mann von dem Susi ihr Leben abhängig machte. Heute ging sie dieselbe Brücke entlang. Es war ein kühler Herbstabend. Der Mann war schon vor Jahren aus ihrem Leben verschwunden. Trotzdem konnte Susi das Gefühl nicht loslassen, nur für ihn zu leben. Sie hielt daran fest, als hinge ihr Leben davon ab. Irgendwie hatte es auch von ihm abgehangen. Er war ihr Grund zum weiterleben gewesen. Die Hoffnung an die sie sich klammerte. Wenn sie ihn loslassen würde, hätte sie niemanden mehr, an den sie sich festklammern könnte. Sie wusste nicht, ob sie schon bereit dafür war. Ihre Selbstzweifel hatten ihre Vergangenheit durchlöchert. Sie hatte versucht die Löcher mit Hoffnung zu stopfen; die Hoffnung an ihre Liebe.

Als sie dort stand und die Augen öffnete, sah sie nicht wie damals eine todbringende Möglichkeit. Sondern nur einen dunklen Schatten ihrer Vergangenheit, der ihre Gegenwart begleitete. Sie hatte alles abgelegt. Ihre dunklen Gedanken, ihr dunkles Gemüt. Nur ihn hatte sie noch nicht abgelegt. Hätte sie die Zukunft gekannt und nicht seiner Lüge geglaubt, hätte sie sich anders entschieden? Vermutlich nicht.

Als sie dort stand und die Brücke entlang blickte, sah sie etwas. Einen Mann. Sie fing an in seine Richtung zu gehen und plötzlich erkannte sie es. Er wollte über das Geländer klettern.

„Nicht!“, schrie Susi und lief auf ihn zu. Doch je näher sie kam, desto klarer wurde das Bild. Es war der Mann, der ihr sagte, sie solle weiterleben. Sie solle nicht aufgeben. Der Mann von dem Susi ihr Leben abhängig gemacht hatte. Dieser Mann war dabei über das Geländer zu klettern und in die Tiefe zu stürzen, in der sie vor langer Zeit auch hineinstürzen wollte.

„Bleib!“, schrie Susi, während sie weiter auf ihn zulief. Der Mann schaute in ihre Richtung. In seinen Augen blitzte ein Funkeln des Erkennens auf.

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