Weihnachten – Menschen in Grün (2)

„Na, du Grinch.“ Ihre beste Freundin, Nora, umarmte sie. Sie kannte seit jeher Bettys Abneigung gegen Weihnachten und machte sich jedes Jahr aufs Neue darüber lustig. Im Gegensatz zu der langen, glatthaarigen Betty, war Nora mit ihren kurzen lockigen Haaren ein großer Weihnachtsfan. Vor allem Weihnachtsfilme und -lieder sah und hörte sie jedes Jahr rauf und runter. Sie zwang Betty jedes Jahr aufs Neue ihren Lieblingsweihnachtsfilm Liebe braucht keine Ferien zu schauen, wobei sie jedes Mal mit Cameron Diaz anfing zu weinen. Betty hingegen ließ das kalt. Diese idealisierten Liebesfilme, in dem eine Frau nichts weiter als das perfekte Happy End brauchte, um glücklich zu sein. Was für ein Schwachsinn. Als, wenn eine Frau nicht auch alleine glücklich sein könnte. Betty zupfte, bei den Gedanken daran, an ihrem schwarzen Linkin-Park-Shirt herum, dass unter ihrer offenen Jacke hervorschaute.

„Na, Weihnachtself“, kommentierte sie Noras grünes Langarmshirt mit Rüschen dran. Nora drehte sich begeistert herum.

„Oder?“, sagte sie strahlend. Betty konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sie würde es nicht wundern, wenn ihre beste Freundin irgendwann mit einem Elfen-Kostüm vor ihr stehen würde. Noch weniger würde es sie wundern, wenn sie dem Weihnachtsmann höchstpersönlich beim Geschenkeausliefern helfen würde.

„Guck nicht so zynisch. Ich bin mit meinem Klamottenstil wenigstens nicht in der Zeit zwischen ,Ich spiele nicht mehr mit Barbies‘ und ,Ich verliere meine Jungfräulichkeit‘ stehengeblieben“, spielte sie auf ihr T-Shirt aus Bettys Jugendzeiten an. Betty schwieg ungeachtet. Sie war ihre zynischen Kommentare über ihren Kleidungsstil gewöhnt. Würde Nora Betty einkleiden, würde sie vermutlich in ein nach Aufmerksamkeit schreiendes Faschingskostüm hineingesteckt werden.

„Und freust du dich schon auf Weihnachten?“ Noras Augen strahlten. Betty grummelte abwehrend. Obwohl sie so unterschiedlich waren, wusste Betty Nora als Freundin zu schätzen. Als ihr erster Freund sie verließ, war Nora die Erste, die vor ihrer Türe stand und sie nach einer kurzen Trauerphase, sie wieder dazu brachte an soziale Aktivitäten teilzunehmen und sie wieder zum Lachen zu bringen. Umgekehrt stand Betty direkt vor Noras Tür, als ihr Hund starb. Nichts konnte die beiden je trennen, sondern die Zeit schweißte sie nur noch mehr zusammen.

„Irgendwann finde ich auch deine Schwachstelle, Betty.“ Wie jedes Jahr versuchte Nora sie von der Schönheit der Weihnachtszeit zu überzeugen. Und wie jedes Jahr wirst du gnadenlos scheitern wie mit der Verschönerung eines Weihnachtsbaumes durch Lametta, dachte Betty, während sie zusammen anfingen durch die Einkaufsstraße zu laufen.

„Warum kaufst du noch einmal schon im November Weihnachtsgeschenke?“, fragte Betty. Nora schaute kurz auf ihr Handy mit ihrer Weihnachtsgeschenkeliste drauf und sah dann den ersten Laden an, den sie taxieren mussten.

„Weil Menschen, die im Dezember erst Geschenke holen, total gedankenlos umherirren ohne einen Plan zu haben, was sie eigentlich holen wollen. Und ich will diese Weihnachtszombies nicht vor meinen Füßen haben, wenn ich in Ruhe Geschenke kaufen möchte.“ Betty steuerte im Krimskrams-Laden gezielt auf die Kerzen zu. Sie suchte sich ohne zu zögern eine rote Kerze heraus, ging dann schnell weiter zum nächsten Regal, wo sie rote Deko-Steine heraussuchte. Eins musste Betty ihr lassen; es war mit keiner anderen Person so entspannt shoppen zu gehen. Nora verbrauchte nicht unnötig viel Zeit mit Trödeln, was Bettys Geduld auf die Probe stellen könnte.

„Und für wen ist der ganze Kitsch?“ Nora blickte sie von der Seite an.

„Oma Hildegard natürlich. Sie steht auf solche Deko, wie kein anderer Mensch.“ Nora suchte sich neben einer Schüssel, noch einen kleinen Schlitten mit Santa Claus und seine Rentiere heraus. Der ganze Laden roch bereits nach Weihnachten. Betty verwunderte es sehr, wie ein Feiertag einen eigenen Duft besitzen konnte. Trotzdem roch sie es und ließ ein ein leichtes Gefühl von Vorfreude aufkommen.

Es waren noch 46 Tage bis Weihnachten.

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Weihnachten – Ein Fest fürs Leben (1)

Hemingway nannte bereits ein Buch Fiesta. Mit dem Titel bezog er sich zwar nicht auf das Weihnachtsfest, doch passt er zu dieser Jahreszeit wie kein anderer Titel. Das Fest der Lichter, das Fest der Geschenke, das Fest der Liebe. Nichts bereitete den meisten Menschen mehr Freude, wenn sie bunte Glitzerkugeln an einen Baum hängen und zu den Weihnachtsliedern mitschwingen. Nicht so Elisabeth, die von allen nur Betty genannt wurde. Sie sah in Weihnachten bloß eine Zeit, um sich von der eigenen Existenz abzulenken, ein Opfer des besinnungslosen Konsums zu werden und sich mit Glühwein zu besaufen. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass sie die Augen verdrehte, als ihre Mutter bereits Anfang November sie am Telefon nervte, es seien ja nur noch 52 Tage bis Heiligabend. Noch 52 Tage bis sie bei einem aufgezwungen Fest ihre Zeit aufopfern musste. Dabei war sie nicht mal getauft. Trotzdem bestand ihre Mutter darauf, die Tradition zu wahren und Weihnachten zu „feiern“, wie sie es schon ausdrückte. Was bedeutete, sich mit den Menschen, die sich als „Familie“ bezeichneten, an einen Tisch zu setzen. Schon alleine bei dem Gedanken daran, schüttelte sich Betty abwehrend. Ihre Mutter verabschiedete sich, wie am Ende jedes Telefonates, überschwänglich von ihr, als sei es irgendwas besonderes.

Betty ging nach dem Telefonat mit ihrer Mutter von Zuhause los, um eine Runde einzukaufen. Als sie durch den Supermarkt schlenderte, sah sie bereits die ganzen Weihnachtsüßigkeiten ausliegen. Vielleicht sollte man es gleich in das Fest des Diabetes umbenennen, dachte Betty genervt und nahm sich ein Paket Milch in den Einkaufswagen. Sie sah in ihren einsamen Single-Einkaufswagen, der, neben der Milch, aus einem Paket Eiern, einer Tiefkühlpizza und ganz vielen Reiswaffeln bestand. Sie hatte noch nie wirklich gekocht und sah es auch nicht ein, damit anzufangen, jetzt, wo sie das erste Mal alleine wohnte.

Die Kassierin sah sie mit einem aufgesetzten Lächeln an, als würde sie keinerlei Wertung über den Einkauf ihrer Kundin vornehmen. Was natürlich totaler Schwachsinn war. Schließlich schrie bereits ihr ganzer Einkauf nach Einsamkeit. Betty wusste, dass Menschen, die täglich abkassierten bereits anhand des Einkaufs ihrer Kunden, mehr als genug über den Menschen und das Leben dahinter erfuhren. Und ihrer enttarnte sie nicht nur als ein Single-Haushalt, sondern auch als durchaus genusslose Person. Nur die Pizza, die nichts weiter als eine Margaritha war, ließ zumindest den Hauch eines Genusses vermuten. Doch bloß nicht zu viel. Keinen Schnick Schnack. Ihre Ignoranz der an der Kasse platzierten Weihnachtssachen unterstrich dies. Die blinkende Ablenkung war für Betty nichts weiter als überflüssiger Kitsch, dessen Sinn ihr fremd war.

So fuhr sie mit ihrem Einkauf nach Hause und obwohl sie es nicht wollte, fing sie an die Tage bis Weihnachten zu zählen.

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Schildkröten (2)

Es gibt den einen Moment an den man sich auf seiner Reise klar und deutlich erinnert, auch noch Jahre später, wenn man längst wieder Zuhause war. Mein Tag war, als ich den Schildkröten beim Schlüpfen zusah. Sie schlüpften in großer Stückzahl und es war der Moment, wo etwas gerade lebendig Gewordenes, bereits ihre erste, gefährliche Reise zum Meer hin, antreten mussten. Dieser Augenblick der Freude, wo die kleinen Schildkröten sich aus ihren Eiern kämpften, um schließlich das erste Mal das Licht der Welt zu erblicken, nur um danach ihren Weg über den schutzlosen Strand, wo sie jederzeit von umherfliegenden Vögeln gefressen werden konnten, in die endlose Weite des Meers zu verschwinden und ihre eigentliche Bestimmung anzutreten.

Der Anmut der Schildkröte ist einzigartig. Geht sie doch gemütlich am Strand umher, sofern sie einmal groß geworden ist und lässt sich Zeit mit allem. Sie hetzt nie durch das Leben. An diesem Tag am Strand lernte ich doch so einiges über das Leben selbst. Waren die meisten von uns doch alle kleine Babyschildkröten, die aus Angst von einem Ort zum Nächsten wechselten, während die weisen, älteren Schildkröten ruhig in sich selbst und ihrem Panzer wohnten. Manchmal fühlte ich mich wie eine Babyschildkröte, manchmal fühlte ich mich wie eine weise, alte Schildkröte. Hetzte auch ich manchmal durch das Leben. Doch an diesem Tag hielt ich inne und beobachtete diesen außergewöhnlichen, einzigartigen Anblick der Schildkrötengeburt. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr Sicherheit in unserem Panzer namens Leben genießen, um die schönen Augenblicke wahrzunehmen, statt dadurch zu Hetzen und an der Schönheit vorbeizulaufen. Ich für meinen Teil entschied mich an diesen Tag, wie eine anmutige Schildkröte innezuhalten, damit ich die schönen Momente meines Lebens nicht verpasste, nur weil ich von einem Augenblick zum Nächsten lief, ohne mich auch nur mal umzuschauen. Denn einer der wichtigsten Lektionen des Reisens ist, den Weg der Reise zu genießen, statt nur das bloße Ziel vor Augen zu haben. Ansonsten läuft man Gefahr, nur von einem Ort zum Nächsten zu gehen, ohne innezuhalten und die eigentliche Schönheit der Umgebung wahrzunehmen.

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Die Reise

Der Beginn (1)

Am Beginn einer jeden Reise steht das Bedürfnis nach einer Veränderung. Die Tristesse in der sich der Mensch selbst gefangen hält, um ihr anschließend durch eine Reise zu entgehen.

So erging es mir, als ich mit siebenundzwanzig Jahren das erste Mal einen Flughafen von Innen betrachtete. Die laute Hektik um mich herum, verunsicherte mich. Ich starrte auf das Flugticket in meiner Hand. Seychellen. Ein jahrelanger Traum, der nun Wirklichkeit werden sollte. Für insgesamt einen Monat im Voraus, hatte ich ein Haus mit Meerblick und Infinity Pool gebucht. Jeden Tag würde ich von dort aufs Meer blicken und sehen wie die Sonne untergeht. Die Vorstellung zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht. Seit Jahren wünschte ich mir eine tiefgreifende Veränderung und ich hatte jeden Cent zusammengekratzt, doch es reichte nie aus. Erst als mein Buch ein internationaler Bestseller wurde und zahlreiche Preise gewann, konnte ich mir meinen Traum vom Leben im Paradies verwirklichen. Meine Familie und meine beste Freundin begleiteten mich bis zur Flughafenhalle, von dort aus musste ich alleine weiter gehen. Ich würde sie vermissen. Schließlich hatte ich vor länger als einen Monat zu bleiben, auch wenn ich zuerst nur für einen Monatsaufenthalt gemietet hatte. Doch mein Traum war es ein Jahr dort zu leben.

Ich spürte die aufkommende Nervosität, während ich auf das Terminal zuging. Die Aufregung des Unbekannten. So lange verbrachte ich mein Leben an ein und demselben Ort. Ich ließ nie meine Blasen zum Platzen bringen. Die Angst schien mir immer ein Schritt voraus zu sein.

Diesmal war es anders. Der Durst zu leben war zu groß. Ich wollte es in vollen Zügen genießen. Oder in vollen Flügen. Ich wusste nicht, ob ich Angst vor dem Fliegen hatte, schließlich war ich noch nie geflogen. Irgendwas in mir sagte, es würde mir Spaß machen. So verließ ich schließlich nach dem Check-In die Sicherheitsschleuse und trat meine erste richtige Reise an.

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Die Leiden der jungen Lotte

Wagner, Saskia
5,99 € Buch
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Beschreibung

Es geht um Lotte, die zeitlebens nicht ihre erste große Liebe vergessen kann. So entsteht eine Distanz zwischen ihr und der Welt um sie herum. Eine rhizomatische und teutonische Reise in die Gedankenwelt der jungen Lotte beginnt.

Das ganze Buch gibt es auf TWENTYSIX:

https://www.twentysix.de/shop/die-leiden-der-jungen-lotte-saskia-wagner-9783740784645?utm_source=saleswidget&utm_medium=referral&utm_campaign=saleswidget_large

Der Weg der Träume (Kurzgeschichte)

Wer bin ich? Diese Frage stellte sich Samantha immer wieder. Sie war noch jung, ging zur Schule. Trotzdem musste sie sich bereits entscheiden, was sie in Zukunft machen wollte. Du darfst bloß keinen Fehler machen, pflegte ihre Mutter zu sagen. Doch Samantha verunsicherte diese Aussage so sehr, dass sie sich nicht entscheiden konnte. Die Angst, das Falsche zu wählen und ihr Leben lang mit diesem Fehler zu leben war zu groß. Sie wollte sich am liebsten für gar nichts entscheiden.

Geld spielte in ihrer Familie eine entscheidende Rolle. Es war in ihrer Familie kaum vorhanden, sodass die höchste Priorität dort lag. Keiner konnte ihr sagen, wo sie glücklich wäre, weil gar niemand danach fragte. Den Erwartungen der anderen schien Samantha nie gerecht zu werden. In ihrer Jugend wäre sie deshalb fast im Heim gelandet, wenn ihre Großeltern sie nicht aufgenommen hätten.

Sie hatte sich auf dieser Welt noch nie wirklich willkommen gefühlt. Eher fühlte sie sich wie eine Außerirdische, die rein zufällig auf dem Planeten Erde gelandet war und jetzt zusehen musste, wie sie klarkommt.

Ihre Familienmitglieder haben bereits in ihrer Jugend all ihre Träume begraben, wenn sie denn überhaupt je welche besaßen. Sie hielten sich selbst im Käfig namens Leben gefangen ohne zu erkennen, dass das Gitter offenstand. Die Möglichkeit hinauszufliegen war immer da. Doch sie wurde nie von ihnen genutzt.

Samantha wollte nicht, wie sie werden. Trotzdem packte sie mit ihren sechszehn Jahren und der Gewissheit bald das Ende ihrer Schulzeit entgegenzusehen, eine gewisse Lebenspanik. Ihre Eltern gaben ihr zwar die die freie Wahl, doch sie durfte in ihren Augen keine falsche Entscheidung treffen, sonst verlor sie ohne zu zögern ihre Unterstützung. Und so traf sie bis zu ihrem Schulabschluss keine Entscheidung. Auch danach hangelte sie sich von einem Job zum Nächsten ohne je Erfüllung zu finden. Sie verdiente gut, musste aber ihre Eltern stets finanziell mittragen. Etwas eigenes konnte sie sich nicht leisten, denn so gut sie auch verdiente, es reichte nicht für eine eigene Wohnung. Lediglich ihr Studium war stets ihr wirklicher Wunsch gewesen. Tief in ihrem Inneren trug sie jedoch einen Herzenswunsch, den sie nur selten in ihrer Freizeit ausübte. Das Schreiben. Der Traum von einem eigenen Buch schien mit jeder Stunde, den sie damit verbrachte über die Runden zu kommen, in weiter Ferne. Von Geschreibsel kann doch keiner Leben. Ihre Mutter, die sie stets an die Liebe zu Büchern und Geschichten gebracht hatte, sah den Wert ihrer eigenen Tochter nicht und so beschloss die Tochter, es auf eigene Faust zu versuchen. Sie beendete ihren Job, weshalb sie von Zuhause rausgeschmissen wurde. Heute sitzt sie auf der immerselben Bank und erzählt den Menschen ihre Geschichten.

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Irgendwo in einer Welt voller Menschen

Irgendwo in einer Welt voller Menschen… so fing ihr Satz an, den sie sich überlegt hatte, wenn sie jemand ansprechen sollte. Emily wusste noch nicht, wie ihn beenden wollte, während sie am Rande der Tanzfläche in Mitte des Rubins stand. Wobei der Tanzschuppen wenig glamourös erschien, sondern mehr wie ein billiger Flohmarkt. Hier und da Bling-Bling, aber eigentlich nur alter, unbrauchbarer Schrott.

Was sie hierhin brachte, war eine Mischung aus Samstagsabendseinsamkeit und die Tatsache das all ihre Freundinnen bereits verplant oder in einer langweiligen Beziehung vergeben waren und damit verdrängten noch jung zu sein und gleich zu Bingo-Abende übergingen (wobei sie sich gleichzeitig fragte, welche alte Menschen heute noch Bingo spielten). Und so war sie nach einem Glas Wein und der tausendsten, deprimierenden Wiederholung von Bridget Jones auf die Idee gekommen ihre junge Zeit vollkommen auszuschöpfen und in einen Club zu gehen. Das Klientel in dem rotfarbenen Edelstein ließ zu wünschen übrig und so überlegte sich Emily bereits nach einem Glas Cola, die sie am Rande der Tanzfläche zu sich nahm, wieder nach Hause zu gehen.

Plötzlich stieß von der Seite ein großer Kerl mit leichtem Bart gegen sie. Sein Bier schwappte über ihr halbes Hemd, dass extra weiß war, um im Blaulicht leuchten zu dürfen. Sie sah ihn wütend an, holte dann aber einen tiefen Atemzug.

„Sorry.“ Der Mann hob entschuldigend seine Hand nach oben. Dann betrachtete er Emily näher.

„Ich bin übrigens Cal“, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand, mit der er sich gerade noch entschuldigt hatte.

„Irgendwo in einer Welt voller Menschen…“ Noch bevor sie den Satz, dessen Ende sie immer noch nicht kannte, zu Ende ausführen konnte, unterbrach sie Cal.

„Hast du irgendwas genommen?“ Emily machte den Mund auf, doch Cal drehte sich bereits um und stürzte sich auf das nächste Objekt seiner Begierde, die er mit seinem Smalltalk nervte.

Emily stand wieder alleine in dem Club voller Menschen. Sie war schon jetzt genervt und wollte nicht mehr. Sie hatte gehofft, wenigstens die Musik würde sie zum Tanzen bringen. Doch statt guter Partymusik dröhnten die Boxen nur gleichbleibende Techno-Musik heraus. Sie stellte ihr halbleeres Glas auf den Tresen und drehte sich um. Was sie auch gesucht hatte, sie würde es garantiert nicht hier finden.

An der Garderobe gab sie ihre Marke ab und bekam ihre dicke Winterjacke zurückgegeben.

„Heeey!“ Ein offensichtliches laufendes Fass Bier rempelte sie von der Seite an und sprach sie an.

„Sorry“, zitierte sie den Typen von zuvor, dessen Namen sie schon wieder vergessen hatte und ging weg. Sie wusste, dass Höflichkeit anders geschrieben wurde, doch sie hatte nach diesem Abend kein Interesse mehr an oberflächlicher Höflichkeit.

Genervt stapfte sie in die kalte Dezembernacht heraus und ging durch die Menschen befüllten Straße einer Samstagnacht. Sie ging ohne Blickkontakt aufzunehmen an den Grüppchen vorbei. Ihr einziges Ziel war ihr Zuhause. Dafür musste sie zuerst die Bahnhaltestelle erreichen. Sie sah auf ihr Handy. Die Bahn würde ihn zehn Minuten da sein und sie brauchte noch fünf Minuten bis zur Bahnhaltestelle. Sie ging an zahlreichen Clubs und Bars vorbei, wobei bei Einigen laute Musik rausdröhnte. Ein Laden spielte ein wirklich gutes Lied ab. Wie gerne hätte sie an diesem Abend zu diesem Lied getanzt. Doch nun war sie bereits vor zwölf Uhr wieder auf den Weg nach Hause. Wie sie es auch drehte und wendete, sie wusste nicht, was Leute jedes Wochenende hier hintriebt außer pure Einsamkeit und Verzweiflung mit einem Hauch Verdrängung. Was versuchte sie zu verdrängen?

Diese Frage stellte sich Emily, während sich durch die Kälte der Nacht sichtbar eine Wolke vor ihrem Gesicht bildete und sich dann wieder in Luft auflöste. Bis zum nächsten Atemzug.

An der Bahnhaltestelle zeigte ihr die Tafel, die verbleibenden vier Minuten bis zum Ankommen ihrer Straßenbahn an. Ein Typ kam plötzlich auf sie zu.

„Hallo“, lächelte sie ihm freundlich zu. Sie wusste nicht, woher dieser Impuls kam. Der Typ sah sie an.

„Hallo“, lächelte er freundlich zurück und blieb einen Meter vor ihr stehen. Sein Grübchen fiel ihr selbst in dem unscheinbaren Nachtbeleuchtung auf. Sie hatte schon immer eine Schwäche für Lachgrübchen gehabt.

„Kann ich deine Nummer haben?“ Sie wunderte sich selbst darüber, sich das Fragen zu hören. Der Typ fing an breiter zu Grinsen.

„Natürlich“, sagte er. Sie hielt ihm ihr Handy hin, wo er nur noch seinen Kontakt eingegeben musste. Während er die Zahlenreihenfolge seiner Nummer eingab, merkte Emily wie hinter ihr die Straßenbahn einfuhr.

„Danke“, sagte Emily, als ihr der Unbekannte, dessen Name sie auf ihren Bildschirm leuchten sehen konnte, das Handy zurückgab. Die Bahn hinter ihr war bereits zum Stehen gekommen und sie stieg ein. Sie suchte sich einen Fensterplatz, der einen Blick auf seine Richtung freigab. Als die Bahn losfuhr, suchte sie die Bahnhaltestelle nach seinem verabschiedenden Blick ab. Aber er war bereits in der dunklen Nacht verschwunden. Eine Enttäuschung machte sich in ihrer Brust breit. Sie wusste nicht, dass dieser Enttäuschung, noch Bitterkeit weichen würde, wenn er sie morgen per Chat fragen würde, ob sie ihm Nacktbilder von sich schicken könnte. In diesem Augenblick wusste sie nur, dass schon jetzt ihre romantische Vorstellung der Realität gewichen war. Wie so viele Male zuvor. Irgendwo in einer Welt voller Menschen… Sie kannte noch immer nicht das Ende jenes Satzes.

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Aphorismen eines Tages

Die Welt stand für Jessy still, als sie in ihr morgendliches Spiegelbild schaute und dabei ihre grünstichigen Augen mit ihren goldbraunen Streifen intensiv betrachtete. Dabei waren es nicht ihre Augen, die sie so in den Bann zogen, sondern ihre eigenen Gedanken. Sie mäanderten wie ein Fluss ihren eigenen Weg durch ihren Kopf. Noch nie hatte sie sich über das Leben solche Gedanken gemacht, wie es an diesem Morgen der Fall war. Obwohl sie bereits ihre ganz normale Arbeitskleidung trug, wollte etwas in ihr sich diesem Umstand nicht anpassen. Der Weg zur Arbeit erschien ihr an diesem Tag falscher denn je, obgleich er sich nicht groß von ihren vorherigen Arbeitstagen unterscheiden würde. Etwas in ihr schrie sie an, nicht das Haus zu verlassen. Es war eine tiefe, innere Stimme, deren Präsenz ihr Spiegelbild nur erahnen konnte. Die grelle Lampe des fensterlosen Badezimmers ließ ihre Haut auf unnatürliche Weise blass erscheinen. Obwohl sie nicht krank war, konnte man sie in diesem Licht durchaus dafür halten. Sie überlegte zum Arzt zu gehen und sich krank schreiben zu lassen. Ihre frühere Therapeutin hatte ihr vor langer Zeit bereits empfohlen, solche Dinge zu unterlassen. Doch das lag weit in der Vergangenheit. Nun war sie sich nicht sicher, welchen Weg sie einschlagen sollte. Den Weg ihrer Gedanken oder den Weg der Vernunft.

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Piña Colada (10. Teil)

„If you like piña colada and gettin‘ caught in the rain. If you’re not into yoga. If you have half a brain…“, sangen die vier Frauen laut ins Mikro. Auf der kleinen Bühne im Highlight sahen sie aus, wie eine Girlsband, die nur darauf wartete entdeckt zu werden. Nur Sandys Gesang zerstörte mit ihrer hohen, schrillen Stimme das Bild.

Nachdem sie den Song über ein entfremdetes Ehepaar, die wieder zueinander finden, zu Ende gesungen hatten, setzten sie sich wieder auf ihren Stammplatz.

„Für unsere vier bezaubernden Gesangstalente, einmal Piña Colada aufs Haus.“ Mit einem Schwenk landete Juanitos Tablet auf ihrem Tisch und er verteilte nacheinander den Gratis Colada. Als letztes setzte er Naomi einen Cocktail hin und strahlte sie dabei an. Sie strahlte zurück.

„Lasst es euch schmecken“, sagte Juanito, bevor er sich vom Tisch entfernte.

„Was ist das denn zwischen euch?“, fragte Jules. Naomi winkte ab.

„Versucht erst gar nicht euer Schubladendenken auf mich anzuwenden.“ Doch die anderen blickten sich wohlwissend an. Jules erhob schließlich das Glas.

„So meine Lieben. Ich habe das Gefühl ein Lebensabschnitt geht vorbei und ein neuer Abschnitt beginnt. Darauf möchte ich einen Toast aussprechen.“ Sie räusperte sich, bevor sie weitersprach.

„Unsere einsame Romantikerin Sandy hat ihre Liebe gefunden, die sie in nicht allzu ferner Zukunft heiraten wird. Linda nimmt sich eine kurze Selbstfindungspause, bevor sie schließlich ebenfalls Max heiraten wird.“

„SO schnell möchte ich davon nicht sprechen“, wandte Linda ein.

„Du kannst mich doch nicht mitten in meiner bedeutenden Rede unterbrechen.“ Jules schüttelte den Kopf. „Wo war ich stehengeblieben? Ahja. Ich habe mich erfolgreich in der Kunstszene etabliert. Und Naomi ist und bleibt Naomi.“ Jules deutete zum Anstoßen an.

„Was soll das heiße, ich bleibe ich?“ Naomi blickte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Wir stecken dich einfach nicht eine Schublade“, erklärte Jules. Daraufhin lachte Naomi herzlich und stieß mit an.

„Was würde ich nur ohne euch machen.“ Naomi wischte sich eine Träne aus dem Auge.

„Ich weiß, wir können nicht für immer diesen Moment festhalten, aber die Zeit mit euch bleibt einfach unvergesslich“, verkündete Sandy. Alle nickten einstimmig.

Sie wussten, diese Zeit war nicht für immer, doch sie würden jeden einzelnen Moment genießen, sodass sie diese immer im Gedächtnis behalten würden. Welcher Weg das Leben auch für die vier Freundinnen noch bereithielt, sie würden nie die Gespräche in der Bar vergessen und die verbindende Freundschaft, die sie durch diese Zeit begleitete.

THE END

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Caipirinha (9.Teil)

Sie nippten an ihren Gläsern. Schluck für Schluck leerten sie die Gläser mit braunen Zucker.

„Also ich weiß nicht“, überlegte Jules laut.

„Die Welt ist zwar verrückt, aber das ist noch kein Grund gleich über das Heiraten und Auswandern zu sprechen“, führte Jules weiter ihre Überlegung aus.  Sandys Eröffnung ihre Internetliebe in zwei Monaten zu heiraten und eventuell auf die iberische Halbinsel auszuwandern, stoß auf eine Protestwelle seitens Jules und Linda.

„Das ist dumm“, sagte Linda direkt zu Sandy. Sandy blickte zu Naomi.

„Und was sagst du dazu?“ Naomi zog ihre rechte, gerade Linie, die eine ihrer Augenbrauen bildete, hoch.

„Ich halte es zwar für genauso bescheuert, wie Linda und Jules, jedoch…“, sie hob ihren Finger hoch und machte eine Pause „bist du genau das. Unsere verrückte, bescheuerte Sandy, die wir alle lieben. Deshalb wollen wir alle nur eins: Dass du glücklich bist.“ Sandy fing an zu strahlen. Sie beugte sich zu Naomi und umarmte sie fest. Naomi riss die Augen auf, wie bei einem Überfall. Danach tätschelte sie ihre Schulter.

„Alles gut. Versprich mir nur, dass du auf dein Herz aufpasst und dich nicht verlierst. Und wenn doch, dann sind wir hier.“ Naomi deutete mit ihrer Hand um sich. Aus dem Augenwinkel konnte sie die feuchten Augen von Sandy erkennen.

„Fang mir jetzt nicht an zu weinen“, protestierte Naomi.

„Nein, nein“, wehrte Sandy mit tränenerstickte Stimme ab.

„Linda, was gibt es eigentlich Neues bei dir?“, wechselte Sandy das Thema. Alle schauten zu Linda rüber, die ganz rot wurde.

„In einer Woche kann ganz schön viel passieren.“ Sie pickte mit ihrem Strohhalm in den Zucker rein, der sich am Glasboden absetzte, bevor sie noch einen Schluck nahm. Die Blicke der Anderen ruhten auf ihr. Sie holte tief Luft.

„Also folgendes ist passiert: Ich habe mich am nächsten Tag mit Max getroffen, so wie ihr es mir auch geraten habt. Er hat mir gestanden, dass er sich in mich verliebt hat und mich versucht hat auf den Kopf zu bekommen, weil ich offensichtlich noch an Jack hänge. Doch mir das zu verschweigen, war das Schlimmste überhaupt. Er meinte, er gebe mir Zeit, darüber nachzudenken. Doch in dem Moment habe ich gemerkt, dass sich mein Herz schon längst entschieden hat. Also bin ich nach Hause gefahren und habe Jack gesagt, es sei endgültig vorbei.“

„Und was ist jetzt mit Max und dir?“ Jules konnte lange Pausen mit Inhaltslücken nicht leiden.

„Wir haben uns gestern getroffen. Ich habe gesagt, was ich für ihn empfinde, doch ich brauche die nächsten Wochen Zeit für mich selbst. Die letzte Zeit war zu viel und ich möchte mich nicht gleich von einer Beziehung in die Nächste stürzen. Er versteht das und gibt mir die Zeit, die ich brauche“, erzählte Linda ihre Geschichte zu Ende.

„Aber das hört sich nicht nach einem Happy End an“, merkte Sandy traurig an.

„Moment“, unterbrach sie Naomi und schaute erwartungsvoll Linda an. Diese verdrehte leicht die Augen.

„Vor euch kann man auch nichts geheim halten. Ja, wir haben uns am Ende noch geküsst“, gab Linda zu. Sandy klatschte in die Hände. Naomi lächelte nur.

„Kann ich euch noch was bringen?“, fragte Juanito, der an ihren Tisch trat und auf ihre leeren Gläser deutete. Seine Föhnfrisur saß perfekt bis auf die eine Strähne, die ihm ins Gesicht fiel. Vergeblich versuchte er sie weg zu pusten.  

„Ich denke für heute haben wir genug“, gab Jules von sich. Die anderen nickten zustimmend. Er fing an, die leeren Gläser aufzusammeln.

„Ihr seid nächste Woche auch da zum großen Karaoke Abend?“, fragte er in die Runde. Sofort schauten sie sich alle lächelnd an.

„Wie könnten wir uns das entgehen lassen“, verkündete Naomi. Als er fertig mit Abräumen war, wandte er sich zu Naomi.

„Und sehen wir uns gleich noch?“, fragte er sie. Die Anderen starrten Naomi an.

„Wie könnte ich mir das entgehen lassen“, lächelte sie ihm zu.

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