Erste Treffen

Vor jedem Treffen mit einem Fremden herrscht eine gewisse Aufregung. Es ist der Nervenkitzel. Man scheint sich schon zu kennen, doch man stand der Person nie gegenüber. Bis zu diesem einen Moment. Der Alles-oder-Nichts-Moment. Entweder man mag die Person auf Anhieb oder man mag sie nicht. Zweiteres ist die Enttäuschung, die man am liebsten vermeiden will. Auf diese Enttäuschung haben wir keinen Einfluss. Wir können uns nur unserer Neugier stellen und uns überraschen lassen. Die Überraschung ist das, was den Nervenkitzel verursacht. Man trifft sich an einem öffentlichen Ort und hofft, dass die Überraschung keine Enttäuschung wird.

Ich erinnere mich nicht, mich jemals mit jemanden bewusst verabredet zu haben und am Ende nicht ein bisschen enttäuscht gewesen zu sein. Wahrscheinlich waren sie es auch von mir. Die Treffen mit den Menschen, die ich wirklich mochte, waren reine Zufallsbegegnungen. Keine festgelegten Verabredungen. Das Unerwartete ist häufig die größte Überraschung.

Trotzdem kann ich den Gedanken nicht ausblenden, dass ich eine unerfüllte Hoffnung in mir habe, von der ich genau weiß, dass sie das bleiben wird. Eine unerfüllte Hoffnung. Ich kann sie nicht ausblenden. Nicht ausstellen. Wenn ich an sie denke, träume ich anschließend von ihr. Von dem Gefühl, welches nur noch in meinen Gedanken existiert. Die Wirklichkeit hat ihr den Nährboden entzogen. Die Realität ist meistens eine Enttäuschung. Solange bis einem das Gegenteil bewiesen wird. Nur warte ich noch auf mein Gegenteil.

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Die Hochzeit – Eine Kurzgeschichte

„Auf das Brautpaar!“ Als ihre Gäste auf Leila und Jason anstießen, sahen sich die beiden breit grinsend in die Augen. Alle um sie herum müssten meinen, sie seien verliebt, doch sie wussten es besser. Waren sie doch nur aufgrund einer Wette hier. Eine Vereinbarung, die sie vor über zehn Jahren getroffen hatten. Es war ihr Fünfundzwanzigster Geburtstag und sie war sturzbetrunken, als sie mit ihm, der nun seit drei Jahren ihr bester Freund war, die Wette abschloss, wer zuerst heiraten würde. Leila war einen Tag vorher verlassen worden. Er besorgte ihr zum Geburtstag eine Flasche Silver Tequila und keine zwei Stunden später war die Flasche leer und Leila voll. Sie sagte ihm, sie sei nun in dem Alter, wo sie immer heiraten wollte und nun ist sie stattdessen verlassen worden. Er wollte sie aufmuntern. Sagte ihr, sie würde ganz bestimmt vor ihm heiraten. Sie wollte es nicht glauben. Wollen wir wetten… Wer verliert muss auf der Hochzeit des anderen den peinlichen Stepptanz vollziehen, aus den gemeinsamen Stepptanzkurs, den sie ein Jahr zuvor zusammen absolvierten. Und wenn wir beide verlieren? Dann müssen wir beide wohl heiraten. Seine Worte klangen zu ihr, während sie ihre aufsteigenden Tränen schnell wegwischte. Bis wann haben wir Zeit? Bis wir Fünfunddreißig Jahre alt sind. Top, die Wette gilt.

Und so vergingen die Jahre, ohne dass es eine Hochzeit gab. Es kamen Beziehungen in ihrer beider Leben, die wieder in die Brüche gingen. Seine Freundin, die nach zwei Jahren mit ihm Schluss machte, weil er zu distanziert sei. Ihr Freund, den sie nach drei Jahren den Laufpass gab, nachdem er sie klischeehaft mit seiner Angestellten betrog. Nichts blieb bei den beiden von Dauer, außer ihrer Freundschaft. Und ihre Wette. An dem Abend ihres Fünfunddreißigsten Geburtstag war es dann soweit. Sie saßen im Restaurant. An einem Zweiertisch aneinander gegenüber. Nun haben wir beide verloren… Du redest doch nicht von dieser dämlichen Wette vor zehn Jahren. Da war eindeutig zu viel Tequila mit ausgepresster Zitrone im Spiel. Und trotzdem sind wir beide Single und haben niemand heiratswerten. Na gut.

Und so standen sie schließlich an diesem Tag vor dem Traualtar. Eine beidseitig verlorene Wette eben. Und während sie sich verstohlen in die Augen blickten, in dem Gedanken, dass nur sie beide die wahre Geschichte, das Geheimnis dahinter kannten, sahen alle andere das, was sie nicht sahen. Ein verliebtes Brautpaar.

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8. Brief an die Liebe meines Lebens

Liebe meines Lebens,

Weißt du was wahre Liebe ist?
Wahre Liebe ist, wenn man loslassen kann, obwohl man festhalten möchte.
Wahre Liebe ist, wenn man dem Anderen nur das Beste wünscht, während für einen selbst eine Welt zusammenbricht.
Wahre Liebe ist, wenn die Sonne dir ins Gesicht strahlt und du trotzdem noch heller als sie scheinst.
Wahre Liebe ist sich gegenseitig zu vertrauen, ehrlich zueinander sein, sowie den anderen zuzuhören.
Wahre Liebe ist sich zu unterstützen, auch wenn es mal schwierig wird.
Wahre Liebe ist, den Anderen so zu lieben, wie er ist, mit allem was zu ihm gehört.
Wahre Liebe ist, das leise Klopfen des Herzens.
Wahre Liebe ist, den Anderen tief in die Augen zu blicken und dabei seine Seele zu sehen.
Wahre Liebe ist sich gegenseitig sagen zu können, dass man den anderen liebt.
Ich wünschte, ich könnte all die Dinge mit dir teilen, Liebe meines Lebens. Doch bist du immer noch nicht aufgetaucht. So warte ich weiter darauf, irgendwann all diese Dinge mit dir haben zu können. Und frage mich dabei, ob du das Gleiche tief in deinem Herzen dir auch wünschst.

In Liebe

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Das Karussell der Liebe

„I’ll never love again“ sang einst Lady Gaga über den Verlust einer Liebe. Und ich denke es mir jedes Mal und werde immer wieder überrascht, wenn ich dann doch noch einmal etwas für einen anderen Menschen empfinden kann. Häufig ist es nur ein Ansatz. Ein kurzer Anflug von Sympathie, der schnell wieder verfliegt. Eine anfängliche Begeisterung, die wieder verschwindet, zusammen mit dem Menschen für die sie empfunden wurde. Es war nie mehr als das. Und wurde seit einer Ewigkeit nicht mehr. Keine Zukunft von der Gemeinsam geträumt wurde. Keine Bekenntnisse, keine Liebe. Das Karussell der Liebe scheint nie still zu stehen. Gerade, wenn man denkt, jemand würde zusammen mit Einem alle Runden die Nacht hindurch fahren, steigt er aus und jemand Neues steigt ein. Nur für ein paar Runden. Nie zu lange. Und ich frage mich, wann hört es auf? Wann komme ich endlich zum Stillstand?

Ich fahre diese Runde nun wieder alleine in der stillen Nacht. Die Sterne verdeckt von den Lichtern des Karussells, welche mein Gesicht blenden. Das Karussell, welches einfach nicht stillsteht.

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Am Strand der Tränen

Ich stand am Strand und wusste nicht weiter. Vor wie vielen Wochen, vor wie vielen Jahren hatte ich damit angefangen, die falschen Entscheidungen zu treffen, die mich heute hierhin brachten? Alleine war ich in mein Auto gestiegen und bin einfach losgefahren bis ich das Meer erreichte. Das Ende des Landes. Das Ende meines Spontantrips. Als könnte ich, wenn ich dabei mein Ziel erreicht hätte, auch in meinem Leben plötzlich all meine Ziele und Träume erreicht haben. Stattdessen sah ich zu, wie ich einen Schritt vor dem anderem in den Sand trat, meinen Füßen zusah, wie sie kurz unter Wellen vergraben wurden, bevor ich sie wieder herausholte. Nichts von alldem brachte mich dorthin, wo ich heute eigentlich sein wollte. Ich versank bloß im Sand an Ort und Stelle. Nichts weiter. Und als ich so in die Ferne sah, gab es nichts, was man erreichen könnte. Nichts Greifbares. Der Wind ließ mich daran erinnern, wer ich war, wer ich bin, wer ich sein könnte. Daran, dass ich hierhin geflüchtet war, vor mir selbst und meinem Leben, welches ich Stück für Stück über all die Jahre hinweg in den Sand gesetzt hatte. Es schien mit jeder Welle, wie meine Füße im Sand, zu verschwinden.

Während ich dort stand, spürte ich das erste Mal die Nässe in meinem Gesicht. Ein Tropfen, der meine Wange hinunterglitt. Es blieb nicht bei Einem. Das erste Mal seit sehr langer Zeit weinte ich. Ich weinte mir die letzten Jahre von der Seele. Die Narben, die nur dürftig geflickt wurden, rissen mit einem Mal auf. Ich konnte all das nicht verhindern, nicht mehr zurückhalten. Zu lange hatte ich den Schmerz meiner Seele zurückgedrängt bis er sich schließlich mir aufdrängte. Das erste Mal erlaubte ich es mir traurig zu sein. Nicht glücklich sein zu müssen. Nur Ich zu sein, mit all meinem Schmerz, meinen verpassten Chancen, mein ungelebtes Leben, welches ich doch einst unbedingt leben wollte, aber nie ausleben konnte. Falsche Entscheidungen, falsche Zeiten, all das brachte mich nun hierhin. An den Strand der Tränen.

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Zigarettenrauch

Gewidmet an meine Großeltern

Sie hörte das Knacken des Plattenspielers. Stand by me sang Ben E. King im Hintergrund, während er in dem kleinen Wohnzimmer mit brauner Blumenmustertapete auf sie zukam. Galant legte er einen Arm um ihre Hüfte und griff mit seiner anderen freien Hand, die ihre. Die letzten Wochen mit ihm fühlten sich an wie ein einziger Film. Als sie auf dem Dorffest durch ihre beste Freundin aneinander vorgestellt wurden, waren sie beide hin und weg voneinander. Sie konnten kaum die Finger voneinander lassen. Er führte sie tanzend durch das Wohnzimmer. Sie lächelte vergnügt und ließ sich nur zu gerne von ihm umherwirbeln.

„Wir sollten heiraten, findest du nicht auch?“, fragte er sie, nachdem er sie nach einer Drehung wieder zu sich zurückzog. Sie schnappte nach Luft.

„Was? Jetzt schon? Machst du jeder Frau so schnell einen Antrag?“ Ihre Stimme zitterte vor Nervosität.

„Nicht jetzt. Aber eines Tages würde ich mich sehr darüber freuen, der Mann an deiner Seite sein zu dürfen.“ Dann drehte er sie erneut herum. Als er sie diesmal zu sich zog, stahl er sich einen Kuss von ihr. Wie so oft in den letzten Wochen. Sie genoss jeden einzelnen davon. Nachdem das Lied vorbei war, setzten sie sich auf das braune Stoffsofa. Sie nahm eine Zigarette aus ihrer Zigarettenschachtel und bot ihm auch eine an. Er schüttelte den Kopf.

„Du weißt doch, ich rauch eine andere Marke“, erklärte er und zückte eine eigene Schachtel aus der Tasche seines Jacketts.

„Ich weiß. Ich wollte nur wissen, ob du es auch noch weißt“, neckte sie ihn. Er kniff sie leicht spielerisch in die Seite.

„Du bist frech“, kommentierte er mit einem sanften Lächeln. Dann steckte er sich die Zigarette in den Mund und beugte sich zu ihr vor. Sie zündete das Feuer an und hielt es an seine Zigarette, die davon anfing zu brennen.

„Nicht so frech, wie du“, konterte sie zurück. Anschließend steckte sie sich ihre eigene Zigarette in den Mund und zündete sie an. Eine Weile saßen sie schweigend da, während der Rauch der Zigaretten in die Luft hinaufstieg. Die Asche tippten sie auf den Aschenbecher ab, welcher auf dem hölzernen Wohnzimmertisch stand.

„Wenn du mich heiraten willst, willst du dann auch Kinder mit mir?“, fragte sie ihn beiläufig.

„Ein Haufen Kinder“, sagte er wie eine Selbstverständlichkeit. Sie musste lächeln. Das liebte sie so zwischen ihnen. Die großen Worte wurden nebenbei gesagt, als seien sie selbstverständlich. Daran erkannte sie sie. Die Liebe zwischen ihnen. Sie brauchten keine großen Gesten, um sich ihre gegenseitigen Gefühle zu gestehen. Es reichten diese kleinen beiläufigen Bemerkungen, die ihre Liebe zu etwas Besonderes machten.

„Und du glaubst wirklich mein Vater wird das Gutheißen?“, fragte sie ihn mit einem schiefen Grinsen.

„Was? Das wir einen Haufen Kinder machen?“ Sein Blick wanderte irritiert zu ihr.

„Nein, dass du mich heiratest“, erklärte sie ihm. Er blickte sie einen Moment schweigend an. Dann reckte er sein Kinn in die Höhe.

„Das soll er mir erstmal verbieten!“ Sie rauchten schweigend an ihren jeweiligen Zigaretten weiter bis nur noch Stummel übrig blieben, die sie schließlich im Aschenbecher ausdrückten.

„Wir sollten gleich damit anfangen, findest du nicht?“ Sie schaute ihn mit einem schelmischen Blick an. Er hingegen blickte sie ahnungslos an.

„Womit? Mit dem Heiraten?“

„Nein, mit dem Kinder kriegen.“ Da blitzte etwas in ihm auf. Mit seinen Lippen formte er ein tonloses Oh, bevor er auf dem Sofa zu ihr rückte. Er fing sie schließlich an zu küssen, während er seine Hand vorsichtig unter ihr Kleid schob. Sie küsste wild entschlossen zurück und griff umgekehrt mit ihrer Hand unter sein Oberteil.

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Das Verschwinden des Windes

Du bist verschwunden in der Ferne. Wie ein Sommerwind, unstetig, nicht greifbar, ziehst du einfach weiter. Ohne etwas mitzunehmen. Nur deine Sehnsucht nach dem, was du hinter dir gelassen hast, trägst du bei dir. Wie ein Gewand versuchst du dein wahres, inneres Wesen zu verstecken. Deine Sehnsucht, deinen Schmerz. Als würde es ihn nicht geben. Doch ich konnte für einen kurzen Augenblick in dein inneres Sehen. Ich habe es erkennen dürfen. Deine Einsamkeit vor der du flüchtest. Als könnte sie dich verschlingen. Dabei hat sie dich doch schon zersetzt. Dein Schmerz hält dich am Leben, nicht wahr? Ich kann ihn in den Falten deines Gesichtes sehen. Wie Graben hat er deine Landschaft geprägt. Ich möchte dort in deinen Augen noch eine Weile versinken. Doch du bist der Wind. Man spürt dich nur einen Moment, bevor du wieder in der Weite verschwindest. Und ich weiß, ich kann dich nicht aufhalten. Ich versuche es gar nicht erst. Stattdessen lasse ich dich weiterwehen, in der Hoffnung du würdest früher oder später noch einmal in mein Gesicht wehen, nur um mal kurz „Hallo“ zu sagen. Und so spüre ich nur die Erinnerung einer Brise auf meiner Haut, während der Wind schon längst fort ist.

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Die Worte der Vergangenheit – Eine Kurzgeschichte

Linda hielt den Brief in ihren Händen. Er musste was Besonderes sein, dachte sie sich und las ihn Zeile für Zeile. In eine Geschichte, ein Leben eintauchte, welches nicht Ihres war. Am Ende entfuhr ihr ein Lächeln. Sie fühlte sich für einen kurzen Moment wie etwas Besonderes, war sie doch die Adressatin des Briefes in ihrer Hand. Sie erwischte sich dabei, wie sie einige Zeilen nochmal lesen, als würde irgendwas verstecktes Dazwischen stehen. Doch waren es nur Worte. Rein, klar. Und doch wie ein unausgesprochenes Geheimnis.

Sie wollte den Brief gerade in die Briefbox in ihre Schublade legen, als sie den Brief von der Person sah, die ihr davor das letzte Mal geschrieben hatte. Sie kramte ihn raus und fing ihn an zu lesen. Das Für Immer in ewiger Liebe stand dort versprochen. Ein zynisches Lächeln umspielte ihre Lippen. Das war wohl nicht ganz so eingetroffen, dachte sie sich. Sie wollte den Brief ihres ehemaligen Geliebten wieder zurückstellen, als dahinter einen weiteren Brief fand. Sie nahm ihn heraus. Es folgten zwei weitere Briefe vom gleichen Verfasser. Ihre Liebschaft davor, der ebenfalls von einer Liebe für immer gesprochen hatte. Plötzlich schmeckte sie den bitteren Beigeschmack der Briefe. Wie sie in den Momenten, wo sie diese las, dachte sie seien was Besonderes. Und davon ausging, dass auch sie wäre was Besonderes für die Verfasser. Wie konnte sie sich nur so täuschen?

Es waren alle Briefe, die sie noch hatte. Zwei Briefe hatte sie vor Jahren einst zerrissen. Die Briefe ihrer ersten Liebe. Sie hatte es irgendwann nicht mehr ausgehalten, wieder und wieder die Worte der Vergangenheit zu lesen, die nicht der Gegenwart entsprachen. Von der immerwährenden Liebe zu lesen. Davon was Besonderes zu sein. Denn sobald die Fassade bröckelte, sie Risse aufwies, war es vorbei. Die Neubesetzung ihrer Rolle war schneller da, als sie das Studio verlassen konnte. Und so schrieben ihre Verfasser schon neue Briefe von der immerwährenden Liebe an eine andere Adressatin, während sie noch an ihren alten, vergessenen Worten hing. Sie stellte die alten Briefe zurück in die Briefbox. Dann nahm sie den neuesten Brief in die Hand und hielt ihn kurz in der Hand, bevor sie ihn dahin legte, wo er hingehörte. Zu den Worten der Vergangenheit.

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I like to be in America

Sie segelte der neuen Welt entgegen. Die frische Brise wehte ihr ins Gesicht und die Haare aus dem Gesicht. Die salzige Meeresluft gab ihr das Gefühl eines Urlaubs. Dabei wartete ihr neues Leben dort in der Ferne, wo die Stadt-Silhouette immer größer und klarer wurde. Ihr Traum wurde wahr. Ein neues Leben in einer neuen Stadt eines fernen Landes. Sie wusste nicht, wie lange dieser Traum schon in ihr lebte, doch nun wo er wahr wurde, schien sie sich nur noch mehr in einem Traum zu befinden. Die Realität wartete dort in der näherkommenden Ferne auf sie. Sie wusste schon jetzt, sie würde glücklich wie nie zuvor sein. Sie winkte ihrem neuen Leben entgegen.

Sie schrubbte den Boden. In der Pose fühlte sie sich wie Aschenputtel. Ein Aschenputtel, dass weder einer guten Fee noch einem Prinzen über den Weg gelaufen war. Wie sehr wünschte sie sich ihr altes Leben wieder. Die neue Welt war grausam zu ihr. Nirgends gab es Arbeit. Ihre Mietgemeinschaft glich einem heruntergekommenen Loch und nicht dem Kaninchenbau aus Alice im Wunderland wie sie sich am Anfang eingeredet hatte. Diese Stadt hatte nichts Schillerndes, Glänzendes an sich wie in ihren Träumen. Nur Löcher und dunkle, schmutzige Ecken. In einer dieser Ecken kroch sie gerade über den Boden und schrubbte und schrubbte, als könnte sie daraus doch noch etwas Glänzendes machen. Der Traum war vorbei. Sie sparte ihr Geld für ein Rückfahrtticket, hatte aber nicht mal die Hälfte des Geldes dafür zusammen.

Es dauerte ein Jahr bis sie sich auf dem Schiff zurück in ihre Heimat befand. Der Wind wehte ihre Haare ins Gesicht, als sie sich von der großen Stadt ihrer gescheiterten Träume abwandte und ihrer Heimat entgegenblickte, die noch weit außerhalb ihres Blickhorizontes lag. Träume sind eine seltsame Sache. Sind sie erstmal da, packt einen die Nostalgie und katapultiert einen zurück in die Vergangenheit. Träume sind Fluchtpunkte, genau wie die Vergangenheit. Beide sind dafür da, die Gegenwart zu vergessen.

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Der Kuss der Gegenwart

Es ist das erste Mal, dass ich nicht zurückwill. Zurück zum Anfang. Ich hänge an den Lippen der Gegenwart. Würde sie gerne küssen. Ihr sagen, dass ich nur mit ihr sein will. Die Gegenwart nimmt mich das erste Mal seit langer Zeit wieder in sich gefangen. Ich möchte mich nicht mehr in unerfüllter Nostalgie flüchten. Wie lange muss das her sein…

Gegenwart, bitte bleib noch ein bisschen! Geh noch nicht! Werde noch nicht zur verflossenen Zukunft! Ich möchte dich doch nur einen Moment länger genießen. Gewährst du mir das?

Nur einen Tanz in der stillen Nacht mit unseren stillen, einsamen Worten, die geschrieben mehr Sinn machen, als gesprochen. Doch wünsch ich mir, dass der Wind ein Stück meiner Stimme zu ihm hin weht, damit er weiß, es gibt mich wirklich. Ich bin mehr als nur meine Worte. Ich bin seine Gegenwart, so wie er meine ist. Gewährst du mir das , Gegenwart?

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