Weihnachten (4) – Die Antilope und das Schicksal

„…das war mir so peinlich“, erzählte Betty ihre Geschichte zu Ende, während Nora an ihren Kakao mit Sahne nippte. Sie standen vor der ersten offenen Weihnachtsmarktbude und schlürften ihre Heißgetränke. Bei Nora bildete sich, wie so häufig, ein Sahnemund ab. Betty fand es immer wieder faszinierend, wie sie es schaffte, dass sie immer wieder ihre Mundwinkel mit Essen und Trinken verzierte, doch sie wusste, dass ihr Freund sich immer wieder darüber freute. Ihr treuer Hund schleckte sie gerne an ihren Mundwinkel ab. Betty fühlte sich in diesen Momenten immer fehl am Platz, genauso wie in diesem Moment, wo er von der Seite aufkreuzte und sofort überschwänglich Nora abküsste.

„Hi, Betty“, begrüßte er sie, nachdem er Nora seine ganze Aufmerksamkeit schenkte.

„Benny“, grüßte Betty ihn. Nora machte sich immer über die Namensähnlichkeit ihrer Spitznamen lustig, auch wenn sie selbst Benny nie bei seinem Namen nannte. Sie dachte sich stattdessen jede Woche einen tierischen Spitznamen aus.

„Ich bin so froh, dass du hier bist, meine Antilope“, schlang Nora ihre Arme um ihn, nachdem sie ihren Kakao zur Seite gestellt hatte.

„Warum ist er eine Antilope?“ Betty wusste, dass sie seine Spitznamen nie grundlos aussuchte.

„Sie will mich diese Woche immer wieder aufs Neue auffressen“, lachte Benny. Zu viele Informationen, dachte Betty mit geröteten Wangen.

„Was habe ich verpasst?“, fragte Benny in die Runde.

„Betty steht auf einen Mann“, zwitscherte Nora heraus.

„Stimmt doch gar nicht. Ich kenne ihn nicht mal“, protestierte Betty. Dabei spürte sie eine leichte Nervosität.

„Uuuuuh“, gab Benny von sich. Benny ergänzte mit seiner aufsprudelnden Art Nora perfekt. Sie waren das Paar, welches immer auffiel und wie ein perfekt eingespieltes Team agierte. Betty sah Nora in seiner Gegenwart leuchten. Das, was sie sich so sehr für ihre beste Freundin immer gewünscht hatte und welches ihre festen Freunde vor Benny nie geben konnten. Doch als Benny vor einem Jahr in ihr Leben trat, erkannte Betty sofort die Veränderung an ihr. Sie strahlte unentwegt wie ein Christbaumstern. Sie hatte ihre zweite Hälfte gefunden, das spürte Betty sofort.

„Betty will es sich noch nicht eingestanden, aber dieser Rudolf hat es ihr ungemein angetan“, erläuterte Nora.

„Rudolf?“ Benny verstand den Zusammenhang noch nicht.

„Wir kennen seinen richtigen Namen noch nicht, aber solange heißt er für uns Rudolf“, erklärte Nora ihm.

„Und wir werden seinen richtigen Namen auch nicht erfahren, weil ich ihn nicht wiedersehen werde. Selbst wenn ich wollte. Außerdem hat er eine Freundin“, verteidigt Betty sich.

„Letzteres weißt du doch nicht. Und für Ersteres kümmert sich das Schicksal schon“, widersprach Nora. Betty verdrehte die Augen. Schicksal. Ein Begriff, der für Betty genauso schlimm war, wie Weihnachten. Menschen, die an irgendetwas Gutes glaubten, ohne die Realität zu erkennen.

„Ich weiß genau, was du jetzt denkst. Doch wenn dich das Schicksal ereilt, wirst du seine Wahrhaftigkeit erkennen.“ Nora erkannte sofort ihre Gedanken, ohne dass Betty diese aussprach.

„Na, mal schauen“, sagte Betty, um nicht weiter mit der rundum optimistischen Nora diskutieren zu müssen.

„Glühwein?“, fragte Benny in die Runde.

„Ich gebe auch aus “, fügte er hinzu.

Es waren noch 33 Tage bis Weihnachten.

© thewomanandonly

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